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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
Entstehung
Seite
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Dort tanzen wir Polka und Galoppade Und freu'n uns mit Jubel der göttlichen Gnade.

Das Orcheſter beſtehe aus lauter Engeln, irgend ein Erz⸗ engel(ich weiß nicht mehr, ob Gabriel, Michael oder ein Andrer) tanze vor,

Und ſollten wir Zwei einſt droben arriviren, So will ich Dich einſtweilen auf die Polonaiſ' engagiren.

Dieſes zur Erinnerung an Deinen Dich ewig liebenden Freund R. F., studiosus theologiae

Das war denn doch nur ein durchaus nicht für die Oeffent⸗ lichkeit beſtimmter Privatſcherz, den ich mir einer faſt ſchweſterlich vertrauten Jugendfreundin gegenüber wohl erlauben durfte, und mein ſtudentiſcher Humor trieb damals nun einmal auch bei andern Gelegenheiten ſolche Blüthen. Irgend eine gemeinſame ſchwatzhafte Bekanntin hatte, wie ich gerne glaube, ohne boshafte Abſicht von meinen beſagten ergötzlichen Verſen weiter erzählt, und wurde nun die arme Bertha G., die vor Schreck faſt in Ohnmacht fiel, vor den unterſuchenden Kreisaſſeſſor K. auf das Nathhaus vorgeladen. Dort erſchienen, mußte ſie ſtehenden Fußes daheim ihr Stammbuch in statu quo holen und das von meiner frevelhaften Hand be⸗ ſchriebenegottesläſterliche Blatt zu den Acten geben. O arme Bertha, Du biſt inzwiſchen in Nordamerika geſtorben, aber ich ver⸗ ſpüre heute noch eine Anwandlung von Gewiſſensbiſſen über die Gänſehaut, die ich Dir durch meine verſivizirte Frivolität à la Heine damals eingejagt. Wozu hat man denn auch dieſe unglückſeligen Stammbücher oder jetzt Album's, in welchezur ewigen Erinne⸗ rung alle möglichen trivialen Sittenſprüche oder längſt allbekannte Dichterverſe als reine Handſchriftproben eingeſchrieben werden? Fräulein, mit Ihrem Album Bringen Sie mich halb um! ſo ohngefähr rieth einſt ein Freund dem einer derartigen Zumuthung gegenüber verlegenen Ludwig Uhland, in das präſentirte goldſchnittne Büchlein ſich zu inſcribiren. Ich ſelbſt habe ſeit jener Zeit die Stammbücher und ähnliche Manuſcriptenſammlungen gehaßt, wie die Peſt, und nachdem ich einer ganz unabweisbaren Schulfreundin hineingeſchrieben:Im Anfang ſchuf Gott Himmel und Erde. 1. Buch Moſis, Capitel 1, Vers 1. Dies zur Erinnerung ꝛc. ꝛc., wurde ich glücklicher Weiſe in Ruhe gelaſſen.

Außerdem hatte ich einmal im Kreiſe von Verwandten ge⸗ äußert, ein radikaler Franzoſe der 1789er Revolution habe die be⸗ rühmte, hiſtoriſch gewordene Bemerkung gemacht, es werde nicht eher beſſer in der Welt, alsbis der letzte König hänge an des letzten Pfaffen Darm, welches Citat für einen Studenten der Theologie ziemlich unglücklich gewählt war. Dieſerhalb wurden

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