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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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Theologie⸗Profeſſors Fritzſche kein einziger philologiſch⸗kritiſch aus⸗ reichender Beweis für die wirklich hiſtoriſche Exiſtenz Chriſti vor⸗ handen. Die plauſibelſte, dafür als ausſchlaggebend vorzugsweiſe citirte Stelle aus dem jüdiſchen Geſchichtsſchreiber Flavius Jo⸗ ſephus ſei nachgewieſener Maßen interpolirt(von Mönchen ſpäter in den Coder eingeſchwärzt) und ſelbſt Tacitus, der doch über die Secte der Chriſten ſpreche, habe kein Wort von der Perſon eines Chriſtus.Chriſten ſei eben ein reiner Gattungsname für ihn und die Chriſten ſeien wohl im Grunde nur eine Fortſetzung der früheren jüdiſchen Reformpartei der Eſſäer geweſen. Das wäre aber Alles ziemlich gleichgültig. Die Hauptſache ſei im Grunde nur die treffliche chriſtliche Moral der famoſen Bergpredigt mit ihrem, eigentlich von Confucius herrührenden Satze:Was du nicht willſt, daß man dir thue, das thue einem Andern auch nicht, den man nur poſitiv dahin ergänzen müſſe:Und was du willſt, daß man dir thue, das thue Andern auch! Ob Chriſtus jemals gelebt habe, ſei ganzWurſt,(man wird mir den Aus⸗ druck verzeihen, nachdem Bismarck ſelbſt das geflügelte Wort Wurſtigkeit unter allgemeinem Applaus in Curs geſetzt hat!) jedenfalls aber wäre er, wenn er wirklich einmal gelebt hätte, ein ganz famoſer Kerl geweſen. Auch das wurde mir als Gottesläſterung aufgemutzt. Es half mich Alles gar Nichts, daß ich erklärte, das PrädikatKerl habe für mich nichts Herab⸗ ſetzendes, im Gegentheil ſei es ein Ausdruck beſonderer Achtung, und ſelbſt Göthe habe ja einſtens geſagt, es ſei lächerlich, daß ſich die dummen Deutſchen darüber ſtritten, wer von ihnen Beiden größer ſei, ob Göthe oder Schiller? Sie ſollten einfach froh ſein, daß ſie nur zwei ſolcheKerle hätten! In der That hatte ich mit meinem burſchikoſen Ausdruck auch nicht die geringſte Injurie gegen denSohn Gottes beabſichtigt, im Gegentheil! und bin heute noch gleicher Meinung, wie damals.Thut Nichts, der Jude wird verbrannt! und auch ich mußte verkohlen. Ein wei⸗ terer Beleg für meine antitheologiſcheGottesläſterung ſollte in einigen etwas Heine'ſch frivolen Stammbuchverſen gefunden werden, die ich kurze Zeit zuvor einer Jugend⸗ und Schulfreundin, Bertha G., der Tochter des heimathlichen Phyſikatsarztes, auf ihr dringendes Verlangen ich liebe ſonſt ſolche Album- ꝛc. Poeſie ganz und gar nicht eingeſchrieben hatte. Ich ſagte darin, meiner Er⸗ innerung nach, ohngefähr: ſie möge beſtändigGott vor Augen und im Herzen haben und der Katechismusſprüche eingedenk bleiben, die wir ſelbander in der Confirmandenſtunde dem Herrn Dekan K. hätten herſagen müſſen. Dann käme ſie ſicherlich auch einſt in den Himmel, und dort oben ſei es doch gar ſchön,