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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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zu machen. Um mir den Weg zur Kanzel und zum Altar zu ver⸗ ſperren, was mir Angeſichts des vorherigen Widerſtandes meiner Mutter gegen den beabſichtigten Uebertritt zum Studium der Jurisprudenz natürlich weit erwünſchter war, als die Herren ahn⸗ ten, wurde eine vorläufig abermals adminiſtrative Unterſuchung wegenGottesläſterung gegen mich eingeleitet. Man denke ſich die Anklage der Gottesläſterung gegen einen Studioſus der Theologie, der demnächſt ſeine erſte Predigt halten wollte oder vielmehr ſollte! Meine Mutter war außer ſich, als ſie davon hörte, und ich kann es der alten Frau heute noch nicht verargen. Während der Ferien mit meinen beiden juriſtiſchen Univerſitäts⸗ und Heimathsgenoſſen C. S. und F. F. der Eine iſt zur Zeit Landrichter in Oberheſſen, der Andre wird es demnächſt im Gaſthauſe zur Poſt eines ſchönen Vormittags Bier kneipend, ſah ich die mir bekannten Kirchenvorſtandsmitglieder einer Nachbarge⸗ meinde eintreten, um bei dem mir verwandten Gaſt⸗ und Poſt⸗ halter C. ihren Bedarf an Abendmahlswein zu decken. Nachdem Ken Letzterer ſich in den Keller begeben, fragte ich die Erſteren in meiner fröhlichen Bierlaune ſcherzhaft, wie ihnen denn der fragliche Wein meines Vetters ſchmecke? Die Bauern erwiederten achſelzuckend: gar nicht beſonders, es ſei ein ziemlicherRachenputzer, der Einen im Halſe kratze. Als unmittelbar darauf der Wirth mit den erforderlichen Flaſchen heraufkam, bemerkte ich ihm:Aber, Theodor, die Leute beſchweren ſich über die Qualität Deines Abendmahls⸗ weins. Warum gibſt Du ihnen denn für einen ſolchen Zweck keinen beſſeren?Ja, was willſt Du? erwiederte mein jovialer Vetter achſelzuckend.Der Kirchenkaſten der Gemeinde iſt arm und da kann ich den Leuten ſür ihr bischen Geld keinen Champagner verabreichen.Ei, wandte ich mich an die, den Sachverhalt durch ihr Stillſchweigen beſtätigenden Bauern,warum kauft Ihr Euch nicht lieber ſtatt ſchlechten Wein gutes bairiſches Bier? Da habt Ihr doch für daſſelbe Geld wenigſtens einen vernünftigen Schluck und Ihr ſollt ſehen, die Zahl Eurer Communicanten wird ſich bald mehren! Meine beiden Freunde lachten über den muth⸗ willigen Einfall und die Bauern aus vollem Halſe mit. Ich ge⸗ ſtehe, daß das ein tactlos ſchlechter Witz war, namentlich für einen ſchon 4 Semeſter zählenden Studioſus der Theologie, aber ich ahnte nicht im Entfernteſten, daß er von meinen officiellen Gegnern, die nachgerade jedes meiner öſſentlich geſprochenen, ob auch noch ſo harmloſen Worte aufſchnappten, zu einer Denunciation ausge⸗ beutet werden würde. Ein andermal hatte ich an demſelben Orte ebenfalls hinter dem Glaſe Bier die Aeußerung hingeworfen: es ſei nach dem eignen, vom Katheder herab gemachten Zugeſtänd⸗ niſſe meines als Commentator des neuen Teſtaments berühmten