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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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Warnungen der Meinigen, blindlings demkategoriſchen Impe⸗ rativ meines Rechtsgefühls, mochte daraus kommen, was da wolle! Es war ſo eine Art von politiſchem Fanatismus, der mich vor⸗ wärts, mit dem Kopfe durch die Wand trieb. Wer A geſagt hat, muß conſequenter Weiſe auch 2 B ſagen, und ſo machte ich denn unverbeſſerlich mit der Zeit faſt das ganze Alphabet durch. Ich durfte aber, ohne ſonſt irgend welche Vergleichung mit meinem unerreichbaren Vorbilde präͤtendiren zu wollen, getroſt das Wort Börne's auf mich anwenden:Was ich immer geſagt, ich glaubte s, was ich geſchrieben, wurde mir von meinem Herzen vordictirt, ich mußte. Und bei allen, ob auch noch ſo gut gemeinten Mo⸗ ralpredigten meiner Verwandten, von denen zwei nun verſtorbene Oheime mich einſtbei den Manen meines Vaters beſchworen, einzuhalten auf der ſo unvorſichtig betretenen Bahn, bei dem weh⸗ klagenden Händeringen meiner, obwohl ſehr intelligenten, mir im Grunde ſtill recht gebenden, aber zunächſt nur mein materielles Fortkommen im Auge habenden Mutter ſchwebte mir ſtets der un⸗ vergeßliche ſchöne Vers Ulrichs von Hutten sans comparaison! vor:

Ob auch mein' fromme Mutter weint,

Da ich die Sach' hätt' g'fangen an Gott woll' ſie tröſten, 88 muß gah'n,

Und ſollt' es brechen auch vor'm End'. Will's Gott, ſo mag's nit werden gewendt, Darum will brauchen Füß' und Händ'.

Hätte die alte Frau nicht das väterliche Geſchäft länger, als nöthig, fortgeführt, ſodaß ich als junger Menſch mitten unter die mich conſultirenden und bitter klagenden ohe rheſſiſchen Bauern ge⸗ rieth, was den Keim zu dem ſpäteren tödlichen Haſſe gegen das ganze damalige Regierungsſyſtem in mich pflanzte, ſo wäre ich vielleicht gar nicht unter die Politiker und Journaliſten ge⸗ gangen, ſondern ein friedlicher Staatsbürger mit gelegentlicher ſtiller Gedanken⸗Oppoſition geworden. Der Menſch iſt eben das Product der Verhältniſſe, namentlich aber der Eindrücke ſeiner

Jugend.

Daß ich durch meine von nun an bis zur März⸗Revolution ununterbrochen fortgeſetzten Artikel für den Struve'ſchenZuſchauer, deſſen öffentliche Verbreitung im heſſiſchen Inlande gar bald bei 10 Thalern Strafe verboten wurde, den maßgebenden Behörden keine persona grata geworden war, ſollte ich bitter genug erfahren. Ich ſtudirte damals noch vangeliſche Theologie und war öfter unvorſichtig genug geweſen, aus meinen Strauß'ſchen und Feuer⸗ bach'ſchen, alſo höchſt ordonnanzwidrigen Anſchauungen gelegentlich im Kreiſe von Commilitonen und auch ſonſtwo öffentlich kein Hehl