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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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des Gedankens, anerkennt, von Neuem in alter Weiſe das Wort geredet. Sie haben an den Tag gelegt, daß Sie wiſſen, wie wohl es dem ſtrebenden Jünger thun muß, wenn er in ihr mit ſelbſt⸗ thätiger Begeiſterung ſich ungehemmt bewegen darf, und wie vor Allem die Hochſchule, die eigentliche Bildungsſtätte der Wiſſenſchaft, fern von allem Studienzwang, Lehr⸗ und Lernfrei⸗ heit geſtatten ſoll.

Solche Stimmen, wie die Ihrige, ſind heutzutage ſelten bei uns, und es war uns unterzeichneten Studirenden aller Fakultäten und verſchiedner Confeſſionen deßhalb dringendes Bedürfniß, Ihnen, der Sie ſo geredet, unſre Freude und unſren Dank auszuſprechen.

Möchte Ihnen, neben dem lohnenden Bewußtſein Ihres guten Rechtes, ein Erſatz für manche bittere Erfahrung auch in der Ueberzeugung liegen, daß Ihre Stimme, wenn ſchon von andrer Seite verdä chtigt, doch einen kräftigen Widerhall i in der Bruſt unſrer Studentenſchaft erweckt hat! Möchten Sie unter uns noch lange für die Wiſſenſchaft wirken, noch lange der hieſigen Hochſchule Zierde, der Jugend Vorbild und Halt bleiben!

Genehmigen Sie die Verſicherung unſrer wärmſten Hoch⸗ achtung und Verehrung!

(Folgen etwa 300 Unterſchriften.)

Dieſes für ſich ſelbſt redende Actenſtück beweiſt zur Genüge, daß wir damaligen Gießener Studenten auch für die Würde und

Freiheit der auf dem Katheder vertretenen wiſſenſchaftlichen For⸗ ſchung begeiſterungsfähig waren und unſrer Sympathie für deren mannhafte Repräſentanten rückhaltloſen Ausdruck zu verleihen kein Bedenken trugen. Nach Allem, was ich weiß, befürchte ich faſt, daß unſre heutige akademiſche Jugend nur noch ſehr wenig Anflüge von jenemidealen Zuge hat, der anno Dazumal durch unſer Burſchenleben ging. Die Zeiten ſind eben anders geworden und vor lauter Brodwiſſenſchaften haben wir auf den Univerſitäten keine eigentliche univerſale, alle Lebensgebiete encyklopädiſch um⸗ faſſende Wiſſenſchaft mehr, wofür ſich einſt unſre jugendlichen Herzen enthuſiasmirten. Ich bin wahrhaftig keinlaudator tem- poris acti, aber ich meine denn doch, zu meiner Zeit ſei es beſſer geweſen, als in der jetzigen, wo der widrige Plutus mit ſeinem ſtrotzenden Geldſack den unſterblichen Phöbus Apollo mit allen neun Muſen verjagt hat. Auf der akademiſchen Jugend, aus deren Reihe die Ordner und Lenker unſres ganzen Staatsweſens in allen Fächern hervorgehen, beruht vor Allem die Hoffnung des deutſchen Vaterlandes. Möge ihr, die an den Brüſten des klaſ⸗ ſiſchen Alterthums geſäugt iſt, jene höhere, über die bloße Erwerbs⸗ thätigkeit und das hergebrachte Schema hinausblickende Lebensauf⸗ faſſung nicht abhanden kommen, die allein die geiſtige Exiſtenz eines