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über das Heftpapier vernommen wurde, ſchallte jetzt der ſchöne Choral Luther's über die Bänke dahin.— Ich bin noch zu auf⸗ geregt, als daß ich daheim arbeiten könnte. Schöne Hoff⸗ nung für die Zukunft! Erſte Gelegenheit, wo Stu⸗ denten von allen Farben einſtimmig, für eine Idee begeiſtert, ſich zuſammenfanden.“
Vom folgenden Abend heißt es u. A. weiter:„Die Wetzlarer Schützen⸗Muſik voran, zieht Alles um 8 Uhr zum Seltersberg hinauf nach Credner's Haus. Letzterer ſtellt ganz gemüthlich einige Lichter vor ſeine Fenſter. Die„feſte Burg“ tönt aus mehr als 150 Studentenkehlen zum klaren Nachthimmel. Darauf bringt Baiſt„unſerm vielgeliebten Credner, dem muthvollen Vertreter der Freiheit der Wiſſenſchaft und dem väterlichen Freunde der akade⸗ miſchen Jugend,“ ein dreifaches donnerndes Hoch aus. Alle Mützen fliegen in die Luft, ſtürmiſches Hoch, Tuſch der Muſik. Credner, ſichtlich gerührt, antwortet vom Fenſter ziemlich fließend. Er ſpricht davon, daß er jetzt 28 Semeſter auf der hieſigen Hochſchule als Lehrer wirke, von den Anforderungen der Neuzeit, gegen die man nicht die Augen verſchließen dürfe, von den weſentlichen Fort⸗ ſchritten, welche auf Grund ungehemmter Forſchung die evange⸗ liſche Kirche unſres Landes, wenn auch nur im Stillen, gemacht, von den Hoffnungen für die Zukunft unter Hinweis auf den mit Sternen beſäten freundlichen Nachthimmel. Er lobt die wiſſen⸗ ſchaftliche Strebſamkeit und den Unabhängigkeitsſinn der Gießener Studentenſchaft und fordert ſie auf, unbeirrt durch hemmende äußere Einflüſſe, auf der betretenen Bahn conſequent fortzuſchreiten ꝛc. Die Deputation verfügt ſich hinauf und ſtößt mit ihm bei einer Flaſche Johannisberger auf die wahre akademiſche Freiheit für Do⸗ centen, wie Studioſen an. Wir haben dem braven Manne durch unſre ganz und gar nicht„gemachte“ Demonſtration unverkennbar eine Genugthuung bereitet, die ihm vielleicht mehr werth iſt, als ein Orden. Nach dem Ständchen Feſtkneipe im Promenadehaus. Ungeheures Durcheinander. Baiſt präſidirt und ſeine gewaltige Stentorſtimme ſchallt, wie die Poſaune des Weltgerichts, durch das allgemeine Geſchrei:„Silentium! Silentium!“ Der„kleine Zipp“ (Baur, jetzt Domprediger in Berlin und als Volksſchriftſteller be⸗ kannt) beſteigt den Stuhl und hält einen etwas breiten Sermon über den ſchon lange erſehnten Tag, wo Verbindungen von allen Farben und Namen ſich einmüthig um die Fahne einer Idee ſchaaren. Sodann bringt Landmann, der Senior der Haſſia, einen körnigen, mit einſtimmigem Applaus aufgenommenen Toaſt aus. Er fühlt ſich Angeſichts der heuteabendlichen Verſammlung verſucht, in die Worte des großen Dichters auszubrechen:„Mich ergreift, ich weiß nicht wie, himmliſches Behagen.“ Herzerquickend iſt die


