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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
Entstehung
Seite
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war, wurde unter allgemeinſter Zuſtimmung beantragt, ihm als Beweis unſrer Sympathie einen Fackelzug zu bringen. Das Uni⸗ verſitätsgericht verbot in Folge reſidenzlicher Weiſung ſowohl den Fackelzug, als auch für die fragliche Gelegenheit den Gebrauch von Fackeln überhaupt. In meinem damals zeitweiſe geführten Tage⸗ buch finde ich darüber u. A. folgende intereſſante Notizen:

Die berathende Verſammlung fand am 13. November 1845 in dem großen Saale Nr. 9 ſtatt. Der Erlaß des Univerſitäts⸗ richters wird verleſen und erregt allgemeine Indignation und Hohn⸗ gelächter. Man will dennoch, trotz dieſes Verbots, den Fackelzug abhalten. O zügelloſe akademiſche Jugend, bald ſind Carcer und Relegat für dich keine Schreckmittel mehr! Una voce omnes, nur Stromberger, von dem das Ganze urſprünglich ausging(etzt Pfarrer in Zwingenberg), iſt bedenklich. G. Baiſt und Landmann von denHeſſen(Erſterer jetzt altlutheriſcher Pfarrer in Ulfa, Letzterer rationaliſtiſcher Pfarrer in Rendel und Landtagsabgeord⸗ neter) treten ein. Erſterer, etwas animirt, ſpricht unter allge⸗ meinem Beifall in ſeiner gewohnten nonchalant derben Manier einige höchſt ordonnanzwidrig offenherzige Worte:Wir müſſen einen Fackelzug halten trotz alle Dem! Es gilt nicht für Credner allein, ſondern auch für das proteſtantiſche Prinzip und unſere akademiſche Freiheit, die der Univerſitätsrichter immer mehr beeinträchtigt. Daß er es nicht erlauben will, iſt ſehr natürlich, denn er iſt ein Schleppträger dieſes ꝛc. Linde, und dem iſt ſelbſtredend ſo Etwas höchſt ärgerlich. Aber er ſoll ſich ärgern! Allgemeiner ſtürmiſcher Beifall. Draußen gehen haſtigen Schrittes und beſorgter Miene, einen Auflauf befürchtend, die Pedellen auf dem Gange hin und her. Stromberger und Andere meinen, ſolche Colliſionen mit der Polizei könnten doch dem von uns zu feiernden Credner nur un⸗ angenehm ſein. Baiſt macht den Vorſchlag, Jeder ſolle ſeine ſämmt⸗ lichen Fenſter, ſo gut er nur könne, mit paſſenden Sinnſprüchen ꝛc. illuminiren, unter allen Umſtänden aber ſollten wir uns ſelbſt illuminiren! Erſteres wegen der Kürze der Zeit nicht mehr gut möglich, Letzteres natürlich ſehr praktiſch. Es bleibt alſo beim Ständchen, jedoch ſoll mit der Muſik voran durch die Stadt über en Markt gezogen werden. Baiſt erhält den Auftrag, das Lebe⸗ hoch auf Credner auszubringen. Jede Fakultät wählt für die De⸗ putation ihre Vertreter, die Theologen den dicken Müller und Stromberger, die Juriſten Jung(aus Mainz), die Mediziner Heu⸗ mann etzt praktiſcher Arzt in Pfungſtadt), die Philoſophen Schmitt (letzt Seminarlehrer in Friedberg). Dann wird zur Probe das Feſtlied:Eine feſte Burg iſt unſer Gott! geſungen. Seltſamer Contraſt! Hier, wo ſonſt nur die Stimme des Profeſſors vom Ka⸗ theder herab und das Raſcheln der vielen Federn des Auditoriums

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