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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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In Bezug auf allgemeine Popularität kam nach Hillebrand für uns derliber baro de Liebig, wie es damals in nicht ſehr klaſſiſchem Latein auf den Doctordiplomen hieß. Auch er wußte ſeine Wiſſenſchaft, in der er als genialer Forſcher und Entdecker damals ſchon nicht nur europäiſchen, ſondern kosmopoli⸗ tiſchen Ruf genoß, während ſeines Dortſeins erreichte haupt⸗ ächlich ſeinetwegen die Frequenz der Univerſität Gießen ihren höchſten Stand anregend und feſſelnd, mit vollem Umblick über den Katheder und das chemiſche Laboratorium hinaus, zu dociren und hat eine ganze Reihe tüchtiger Schüler von geachteten Namen herangezogen.(Carl Vogt brachte vor einiger Zeit in dem Feuille⸗ ton der Frankfurter Zeitung eine in ihrem Genre höchſt pikante Charakteriſtik ſeiner damaligen Lehrerthätigkeit, die ich mit beſondrem Intereſſe geleſen habe.) Liebig trat aber zu wenig aus den vier Wänden ſeiner fachlichen Werkſtätte heraus und hatte für mich ſtets etwas zu ariſtokratiſch Ercluſives in ſeinen Umgangsformen, was mich vis--vis von ihm ferne hielt. Hatten wir Studenten indeſſen irgend einen ernſtlichen Conflict mit der akademiſchen Behörde, ſo wandten wir uns neben Hillebrand mit beſonderem Vertrauen an ihn, und ſeine einflußreiche Intervention war uns ſtets von großem Nutzen.

Auguſt Credner, als Kirchenhiſtoriker und neuteſtament⸗ licher Exeget damals eine renommirte Autorität erſten Rangs, war mehr Stubengelehrter von etwas ſchwerfällig unbeholfenem Weſen, aber unendlich gutmüthig und höchſt tolerant gegen jede, ob auch noch ſo entgegengeſetzte, wenn nur ehrliche Ueberzeugung. Vor Allem führte er damals in verſchiednen geharniſchten, mit gründ⸗ lichſtem Actenmaterial ausgeſtatteten Streitſchriften eine erbitterte Fehde für die akademiſche Lehr⸗ und Lernfreiheit gegen den dieſelbe ſyſtematiſch unterminirenden ultramontan⸗reaktionären Kanzler von Linde, und das war genug, dem ſchlichten charaktervollen Manne ie ungetheilte Sympathie unſrer akademiſchen Jugend zu ſichern, welche ſie bei mehreren Gelegenheiten mit ungeheuchelter Begei⸗ ſterung manifeſtirte.

Ebenſo beliebt war ſein College Profeſſor Knobel, zur Zeit unſres Auszugs rector magnificus, ein Hebräer erſten Rangs und beſonders gefeierter Commentator des genialſten altteſtamentlichen Propheten Jeſaia, ein Mann von gründlichem philologiſchem Wiſſen, der ſich als unbemittelter Bauernſohn durch eignes raſt⸗ loſes Studium zu ſeiner geachteten Stellung emporgearbeitet, im geſellſchaftlichen Verkehr von etwas ungeſchlachten Manieren und von jenem derben, das Blatt nicht vor den Mund nehmenden Hu⸗ mor, wie er aus Luther's famoſenTiſchreden ſprudelt, dabei der jovial⸗gutmüthigſte, durchaus nicht denSchulmeiſter heraus⸗

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