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Witz ſtets auf der Zunge lag(von ihm rührt das faſt ſprüchwört⸗ lich gewordene quid pro quo, als er in einer ſeiner meiſt ſehr zahlreich, auch von„Philiſtern“, beſuchten Vorleſungen einmal— ich glanbe, nach einem Commers— ſehr viele Plätze leer fand: „Ich ſehe wieder viele Herren, die nicht da ſind!“). Für ſeine be— kannten, ſpäter in mehreren Auflagen im Druck erſchienenen Collegia über neuere deutſche Nationalliteratur mußte er ſtets den größten Hörſaal der Aula, Nr. 9, belegen, und nicht nur waren alle Bänke immer dicht beſetzt, ſondern auch an den Wänden war das Publikum ſo gedrängt aufgepflanzt, daß es den ſpätkommenden immatrikulirten und inſcribirten Hörern ſchwer hielt, zu ihren Plätzen zu gelangen. Sobald er den Katheder beſtieg, herrſchte Todtenſtille im Saale und ich höre ihn noch regelmäßig mit ſeinem zwar nicht ſtarken, aber wohlklingenden Organe beginnen:„Meine Herren! Wir ſind voriges Mal da und da ſtehen geblieben.“ Nachdem er ein ſo ein⸗ geleitetes kurzes Reſumé der letzten Vorleſung gegeben, ging es in freiem Redeſtrom, mit ſeltenem Seitenblick auf das vorliegende Notizheft, weiter. Und da fehlte es denn nicht an da und dort eingeworfenen witzigen Epigrammen über die literariſchen, ſowie auch, was damals viel heißen wollte, politiſchen Zuſtände der unmittel⸗ barſten Gegenwart, welche immer ein dumpfes Beifallsgemurmel unter der Zuhörermenge hervorriefen und von gar manchen Stu⸗ dioſen, darunter auch mir, mit erpichterer Haſt an den Rand des Heftes nachgeſchrieben wurden, als der eigentlich offizielle wiſſen⸗ ſchaftliche Theil in der Mitte. Er wußte dieſe geiſtvollen Bon⸗ mots geradezu aus dem Aermel zu ſchütteln, und wenn er die Heiterkeit ſeines Publikums gewahrte, pflegte ihm in der Regel „noch eine Geſchichte einzuſallen“. Gerade dieſe, ſowohl für das ſtudentiſche, als auch für das gebildete bürgerliche Publikum be⸗ ſonders anregenden Vorleſungen ſind mir wegen ihrer fließend zwangloſen, oſt ſogar das Auditorium indirekt interpellirenden Haltung unvergeßlich geblieben, und Hillebrand's Urtheile über die Matadore unſrer modernen deutſchen Literatur waren ſtets ſchlagend und geiſtreich motivirt, ſodaß ich die meiſten als reiferer Mann auf die Dauer adoptirt habe. Mein alter Univerſitätslehrer, ein Mann von der liebenswürdigſten Urbanität, der mir, einem Freunde ſeiner beiden Söhne Wilhelm und Carl, perſönlich ſehr wohlwollte und mich auch nach Eintritt meiner politiſchen Mißliebigkeit nie⸗ mals verläugnete, wurde ſpäter von dem reaktionären Miniſterium du Thil, einer Duodezausgabe des Metternich'ſchen, vorzeitig gegen ſeinen Willen penſionirt und hat ſich nachher als Landtagsabge⸗ ordneter und conſequenter Charakter auch an unſrer parlamenta⸗ riſchen Steuerverweigerung betheiligt. Ich lege als dankbarer Schüler voll Pietät einen Kranz auf ſein Grab.


