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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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Hörſaals, durch geiſtvolle anregende Vergleichungen mit correſpon⸗ direnden Erſcheinungen auf anderen Wiſſensgebieten, ja gelegentlich auch durch zündende Bonmots und Witze, freilich keine ſolche, wie die des ſeligen Profeſſors Palmer, der in ſeinem Kathederheft be⸗ kanntlich bei dieſer oder jener Stelle die Randbemerkung führte: Hier pflege ich einen Witz zu machen, ſondern durch ungeſuchte Inſpirationen des Augenblicks, wie ſie der in dieſer Beziehung wahrhaft überſprudelnde unvergeßliche Hillebrand und als dama⸗ iger außerordentlicher Profeſſor Karl Vogt u. A. einzuſtreuen pflegten. Von ſolchen Lehrern, wie ſie ſein ſollten, leider Gottes! aber ziemlich ſelten ſind, muß man die ſchönen Worte wieder⸗ holen, die einſt L. Börne in der zu Eingang citirten Schilderung ſeines Studentenlebens in Halle über die damaligen dortigen Pro⸗ ſeſſoren der Medicin Reil und der Philoſophie Steffens ſprach: Sah man Reil lehrend unter ſeinen Schülern, die ihn ebenſo ſehr liebten als bewunderten, ſo konnte man ſich leicht in die Aka⸗ demie von Athen verſetzen. Er begann und untermiſchte ſeine Vor⸗ leſungen über Therapie und Augenkrankheiten mit Gedichten von Schiller und Göthe, und die köſtlichen Früchte ſeiner Forſchung waren unter Blumen verſteckt. Wer nur den erſten Stunden ſeiner halbjährlichen Vorleſungen beigewohnt, hätte glauben können, er höre einen Profeſſor der Moral oder der Aeſthetik. Schon in den reiferen Jahren, wo das Wiſſen nur noch in der Breite gewinnt, aber in der Tiefe nicht mehr, und wo die welken Aehren des Geiſtes ihr ſchwaches Haupt zur Erde niederſenken, und dieſes noth⸗ wendigen Naturgeſetzes ſich bewußt, äußerte Reil in engerem Kreiſe von Freunden und Zöglingen eine kindliche und höchſt liebenswür⸗ ige Furcht, er möchte die Jugend des Geiſtes verlieren. Um ſich gegen dieſen Verluſt zu ſchützen, war er immer darauf bedacht, ſich mit ſtrebenden Jünglingen und neuen Büchern zu umgeben. Und von Steffens heißt es in ſchreiendem Gegenſatze zu gar vielen unſrer akademiſchen Docenten, welche im wahren Sinne des Wortes über dieſe oder jene Disciplinleſen:Er las nie vom

latte. Was er im Augenblicke geſchöpft, reichte er friſch und hell. Seine Rede war ein fortreißender Strom; der Zuhörer dachte, was er mußte, ohne Segel, ohne Steuer, ohne Ruder, und erſt am Ufer fing er zu überlegen an.

Dieſe beiden, mit ſolcher Wärme von Börne geſchilderten Geſtalten waren freilich Muſter deutſcher Profeſſoren, keine trocknen Einpauker und pedantiſchen Abrichter für das Examen, ſondern liebe⸗ volle, ihre Lehrmaterie durchgeiſtigende Vorbildner für das Leben. Reil am nächſten kommt nach meiner Gießner Erinnerung Joſ eph Hillebrand, ein univerſell gebildeter, ächt humaniſtiſcher und humoriſtiſcher Jüngling in grauen Haaren, dem ein geiſtreicher

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