durchſtochene blauweißgoldne Cerevismütze betrachte, ſo begreife ich vollkommen die ſchönen Worte Wilh. Hauff's. Man muß eben jenes Leben ſelbſt mit durchgemacht haben, ſonſt hat man für Das, was ich die Poeſie der Burſchenzeit nenne und was dem Draußenſtehenden als toller Jugendübermuth oder gar als eine Art„höheren Blödſinns“ erſcheint, kein rechtes Verſtändniß. So oft ich ſpäter nach der Muſenſtadt zurückkehrte, ſo pflegte ich die alten Reminiscenzen an den alten Orten. Aber dann kam es mir doch ſtets ſo vor, als wandle ich auf einem Kirchhofe umher. Ich ſah ein neues Geſchlecht von Studenten ſich durch die Straßen und auf der Kneipe bewegen, und nur hier und da tauchte noch das Geſicht irgend eines mir von früher bekannten oder befreun⸗ deten„Philiſters“, meiſt von ſchwarzrothgoldner Färbung, auf, der as:„Weißt Du noch? Damals und damals, da und dort?“ mit mir hinter dem Glaſe Bier herzlich durchſprach. Es geht im aka⸗ demiſchen, wie im allgemein menſchlichen Leben; der Jüngere löſt den Aelteren ab, und immer ſeltener werden die Gelegenheiten, wo ſich die ehemaligen Commilitonen wieder zuſammenfinden, um den rüheren Schmollis in alter Brüderlichkeit zu erneuern. Dafür gelten die ſarkaſtiſchen Bemerkungen H. Heine's, als er ſ. Z. von Göttingen abging.„Dann und wann rollte ein Einſpänner vor⸗ über, wohlbepackt mit Studenten, die für die Ferienzeit oder auch für immer wegreiſten. In ſolch einer Univerſitätsſtadt iſt ein be⸗ ſtändiges Kommen und Gehen, alle 3 Jahre findet man dort eine neue Studentengeneration. Das iſt ein ewiger Menſchenſtrom, wo eine Semeſterwelle die andere fortdrängt, und nur die alten Profeſſoren bleiben ſtehen in dieſer allgemeinen Bewegung, unerſchütterlich feſt, gleich den Pyramiden Aegyptens— nur daß in dieſen Univerſitätspyramiden keine Weisheit verb orgen iſt.“ Wie ſehr der„ungezogene Liebling der Grazien“ mit dieſer boshaften Spötterei Recht hat, das habe ich ſelbſt erſt vor Kurzem 4 4 erfahren. Ein ſehr gelabhrter orthodoxer Gießener Profeſſor, zu oln deſſen Füßen ich einſt als Student der Theologie geſeſſen, hat in einer beſondren Broſchüre, worin er die Freigeiſterei innerhalb der proteſtantiſchen Kirche mit heiligem Eifer bekämpft, u. A. auch mich, einen ehemaligen Schüler, mit dem Beweiſe des eigenſten pro⸗ feſſoralſten Unſinns erwähnt, daß er von dem Unſinn eines Herrn F. in D. ſpricht, der in irgend einem Blatte„erklärt habe, er glaube zwar weder an Gott, noch an eine Seele, aber er ſei(trotzdem) ein guter Proteſtant.“ Mir, der ich, ob auch noch ſo ſehr Ketzer, och wenigſtens auf geſunden Menſchenverſtand Anſpruch machen arf, einen ſolchen Nonsens in die Schuhe zu ſchieben, das ver⸗ mag nur eine ſolche„Katheder⸗Pyramide“. Und ſo ſei denn auch ihr mit gebührendem Humor an dieſer Stelle ein Denkmal geſetzt.
Druckschrift
Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
Seite
39
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