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zuvor ſchon 14 Tage gebrummt, zu 3 Wochen Career verurtheilt und mußten außerdem, froh genug, daß wir nicht sans facon geradezu relegirt wurden,„das Conſil unterhauen“, d. h. die An⸗ drohung, bei dem erſten beſten Anlaſſe irgend einer Ordnungs⸗ widrigkeit von der Hochſchule ausgewieſen zu werden, durch unſere Unterſchrift atteſtiren. Aus meiner damit decretirten Carcerhaft, welche unglücklicher Weiſe gerade in die Oſterferien fiel, habe ich noch einen recht launig geſchriebenen Brief an die Meinigen aus dem Zimmer Nr. 6(während ich früher auf Nr. 2 ſaß). Ich citire daraus hier folgende, die Situation ziemlich draſtiſch kenn⸗ zeichnende Stellen:
„Ich arbeite hier fleißig an der Epiſtel des Apoſtels Paulus an die Römer, koche mir Kaffe, rauche Tabak und Cigarren, leſe Zeitungen und Romane, ſchreibe Briefe und, wenn ich das müde bin, ſchaue ich zum Fenſter hinaus. Ich habe mich mit Geduld in mein am Ende auch gar nicht ſo tragiſches Schickſal gefügt, und nur heute am erſten Feiertag, wo ich die„Philiſter im Sonn⸗ tagsröcklein“ und die Damen in Hüten und Shawls über die Schur promeniren ſah, verlor ich ein wenig meinen Humor. Ich habe hier oben eine ſehr ſtarke„Kamiſolſchaft“. Alles iſt beſetzt. Faſt die ganze Commiſſion hält im Carcer unfreiwillige„Sitzungen“ und wir amüſiren uns, den Umſtänden nach, ganz vortrefflich mit einander. So lange der Carcerdiener Schmitt nicht oben iſt, con⸗ verſiren wir gemüthlich par porte, und jeden Abend, ſobald er draußen die Gangthüre zugeſchloſſen, reiben wir, platt auf den Boden vor die Thüren hingeſtreckt, auf abwechſelndes Commando einen ganz commentmäßigen Salamander. In acht Tagen gehen⸗ die übrigen Commiſſionsmitglieder fort, und dann rücken wieder weitere Drei ein. Ihr ſeht, die Conkurrenz iſt ſtark. Heute woll⸗ ten wir uns in die Kirche führen laſſen, weil unſer durch die Haft deprimirtes Gemüth einer„geiſtlichen Erbauung“ ſehr bedürfe. Aber der Univerſitätsrichter T. war ſo unchriſtlich, uns dieſen Be⸗ weis der Frömmigkeit nicht zu geſtatten. Je nun, ich kann mir ſelber Predigten halten: die ſind freilich verflucht langweilig.“
Daß mich mein alter Humor, die beſte Gabe, die mir Mutter Natur in die Wiege gelegt, im Carcer nicht verließ, dafür zeugt ſchon dies wortgetreue Citat. Außerdem enthält mein ſtudentiſches „Blaubuch“, in welches ich damals meine flüchtigen Gedanken flüchtig hinzuwerfen pflegte, gar manche pikante Federzeichnungen vom Carcerfenſter aus; ſie laſſen ſich aber aus verſchiedenen Gründen, hauptſächlich ihrer oft gar zu rückſichtsloſen Derbheit halber, hier nicht wiedergeben. Genug, wenn ich an alle die rein burſchikoſen Er⸗ lebniſſe meiner Gießener Studentenjahre, wovon ich hier nur einige Bruchſtücke gegeben, zurückdenke und die beim Landesvater oft genug


