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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
Entstehung
Seite
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Frack und weißen Hoſen, das corpus juris auf den Knieen liegend. Zur Thüre herein, die dunkle Nacht hinter ſich, treten unſre zwei Deputirten, Th. Götz mit dem ſchwarzblaugoldenen Frankonenbande auf der Bruſt, in drohender Haltung mit einem(natürlich nur imaginären) modernen Ziegenhainer in der Rechten, hinter ihm

W. Liebknecht, damals ſchon in einer Art Vorahnung ſeiner künf⸗

tigen ſt sgefährlichen Entwicklung als eine ächtBaſſermann'ſche Geſtalt⸗ dargeſtellt, im turnerartigen Leinenanzuge und ein(natür⸗ lich eben ſo imaginäres) Beil über der Schulter. An der Wand des Sitzungsſaales ſtehen auf hohen Poſtamenten die beiden offi⸗ ziellen Gypsbüſten des damaligen Großherzogs Ludwig II. und des Erbgroßherzogs, jetzt Ludwig III. Das Bild iſt künſtleriſch ge⸗ lungen und zeichnet draſtiſch den Kern der damaligen Situation. Man denke ſich nur W. Liebknecht als Delegirten akademiſcher Revolutionäre gegenüber dem hochmögenden, ſchon auf Carcer⸗Arreſt und Relegation ſinnenden akademiſchen Senat es liegt ein ge wiſſer prophetiſcher Humor darin! Ja, was ein Dorn werden will, ſpitzt ſich bei Zeiten!

Natürlich weigerte ſich unſer Burſchenſtolz, uns auf Gnade und Ungnade zu ergeben und, ſo zu ſagen, auf den Knieen, wie es die Herren Profeſſoren verlangten, nach Gießen zurückzurutſchen. Wir hatten uns einmal ſchriftlich auf Ehrenwort verpflichtet, und die von uns geleitete allgemeine Verſammlung des ſtudentiſchen ſouveränen Volkes konnte ſich, ſo lange noch Bier in der Um⸗ gegend aufzutreiben war, nicht zum Rückzuge entſchließen. Da plötzlich, am Samstag Vormittag, wurde uns eine per Chaiſe ein⸗ getroffene Deputation des Gießener Gemeinderaths angemeldet, die wir natürlich unter herzlichem Danke für die ſeither bewieſene Sympathie der Bürgerſchaft auf das Artigſte empfingen. Derſelbe hatte ſich bei dem Senat ausdrücklich erboten, die Ordnung inner⸗ halb der Stadt aufrechtzuerhalten, falls ſie etwa von ſtudentiſcher Seite geſtört werden ſollte, und dagegen hatten die Herren Pro⸗ feſſoren, froh, aus der Verlegenheit zu kommen, zugeſichert, nicht allein die Dragoner in aller Morgenfrühe nach Butzbach zurückzu⸗ dirigiren, ſondern ſich auch bei demhöchſtpreislichen Miniſterium für allgemeine Amneſtie uns gegenüber nachdrücklichſt zu verwenden. Nachdem ſomit unſrerBurſchen⸗Ehre eine unter den beſtehenden Verhältniſſen immerhin anerkennenswerthe formelle Satisfaction ge⸗ worden, ergriffen wir gerne die entgegengereichte Hand, um ſo lieber, als wir das wüſte Leben auf der Schloßruine und in den Stuben und Scheunen der Bauern nachgerade herzlich müde ge⸗ worden waren. Sonntags den 9. Auguſt 1846 Vormittags zogen wir nicht ohne ein gewiſſes Selbſtbewußtſein in geordneten Reihen mit flatternden Fahnen voran der bewußtechemiſche Tambour

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