— 28—
mir wegen irgend einer ditto Miniſteramtsehrenbeleidigung von anno 48 Correctionshaushaft verbüßen mußte und, nachdem er in Paris Banquier geweſen, in den letzten Jahren für mich verſchollen iſt, einem Exaltado erſter Claſſe, und dem damaligen Studioſus der Philoſophie Wilhelm Liebknecht aus Gießen, jetzigem Reichstagsabgeordneten und Führer der Eiſenacher Socialdemokratie. Warum wir gerade nach zwei ſo verwogenen Kameraden griffen, erklärte ſich höchſt einfach. Die Miſſion war ganz und gar keine beneidenswerthe, da— Angeſichts der unerhörten Impertinenz, daß wir Rebellen uns anmaßten, mit dem hohen Senat als Macht mit Macht zu parlamentiren— unſre„Geſandten“ riskirten, ſofort in den Carcer abgeführt zu werden, alſo, ſo zu ſagen, ihr akademiſches Todtenhemd auf dem Leibe trugen. Wir waren froh, daß wir überhaupt nur zwei Commilitonen fanden, die das bedenkliche Mandat freiwillig zu übernehmen bereit waren. Und das waren allerdings zwei Kerle, die Haare auf den Zähnen hatten und, wie mein ſeliger Freund A. Becker zu ſagen pflegte, nöthigenfalls den Teufel auf dem flachen Felde gefangen hätten. Sie erhielten von unſerm Ausſchuſſe ihre Inſtructionen und entledigten ſich derſelben in erwarteter kategoriſcher Weiſe. Abends ſpät trafen ſie ein und beim Eintritt in den Sitzungsſaal fanden ſie die patres conscripti des hochweiſen Senats noch bei Licht verſammelt. Die von ihnen in unſerem Namen geſtellten Forderungen wurden, da deutſche Pro⸗ feſſoren bekanntlich die unpraktiſchſten Menſchen von der Welt ſind, mit großer Tactloſigkeit und beleidigtem Majeſtätsgefühl ſchroff abgewieſen. Wir ſeien„eine tumultuariſche Rotte“(]), hieß es, mit der man„gar nicht verhandeln könne“. Da war natürlich Nichts zu wollen. Durch einen eigenthümlichen, in ſeiner Art merk⸗ würdigen Zufall habe ich kürzlich erſt von der Wittwe eines meiner damals mitbetheiligten Gießener Univerſitätsfreunde eine Reihe von prächtigen humoriſtiſchen Bildern zum Geſchenk erhalten, die der auf dieſem Gebiete wahrhaft geniale Carl Beck, damals mit mir Student der Theologie, ſpäter als Infanterie⸗Hauptmann bei Gravelotte gefallen, und einer meiner intimſten Jugendfreunde, über den Stauffenberger Auszug gemalt hat.(Sie wurden zu jener Zeit gar oft Abends auf der Kneipe unter Abſingung eines im Mordge⸗ ſchichten-⸗Balladenton beſonders dafür gedichteten Spottliedes mit dem obengenannten Refrain„Lidjum, lidjum, lidjumlei!“ ꝛc. guck⸗ kaſtonartig vorgeführt.) Unter ihnen, und das iſt das ſchönſte von allen, findet ſich auch dieſe Scene mit köſtlichem Humor illuſtrirt. In dem Saale ſitzen um einen runden Tiſch, natürlich mit der obligaten grünen Decke, bei brennenden Lichtern acht Profeſſoren, lauter carrikirte Porträts. Von den Einzelnen iſt mir nur noch das etwas gekrümmte„alte Löhrchen“ erkennbar, in ſchwarzem


