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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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natürlich bis zur Stadt trommelnd an der Spitze in Gießen wieder ein. Mit Entſetzen denke ich noch an meine ſtille Selbſt⸗ ſchau, als ich, endlich in meiner Wohnung angekommen, die uner⸗ läßliche körperliche Reinigung vornahm. Ich ſah ſo bunt gefleckt von Staub und Koth aus, wie ein bemalter Indianer auf dem Kriegspfad, und dankte Gott, daß ich wieder ein friſches Hemde und ſaubere Kleider anziehen, reſp. mich, ſtatt auf die Streu, wieder auf mein Kanapee werfen konnte. Lange hätte ich dieſen akademiſchen Bivouac ſicher nicht mehr ausgehalten. Undwas

macht die Frau Mama? Dieſe trotz der frivolen Form ernſte Ge⸗ wiſſensfrage ging mir doch auch durch den Kopf. Mein alter Hausphiliſter König warköniglich froh, als er mich glücklich wieder unter ſeinem Dache hatte, und an jenem Sonntag durfte ich für alle die zahlreichen Schoppen, die ich in ſeiner Bierkneipe mit potenzirtem Durſte hinunterſchüttete, auch nicht einen Heller bezahlen. Sie haben ſich in dieſer und anderer Beziehung brav gegen uns benommen, meine lieben Gießener Bürger, auch die Bürgerinnen, und ich danke ihnen Das in der Erinnerung heute noch. Unter meinen von der verſtorbenen Mutter ſorgfältig ge⸗ ſammelten und nach ihrem Tode von mir aufbewahrten damaligen Familien⸗Briefen findet ſich auch ein auf den fraglichen Auszug bezüglicher, aus dem ich nur folgende, unter dem friſchen Eindruck der Ereigniſſe niedergeſchriebene Stellen hier wörtlich citire:

Der hohe Senat glaubte ohne Zweifel, die Studenten würden unter Heulen und Zähneklappen augenblicklich zurücklaufen und um Verzeihung bitten, wie die Schulbuben, die vom Herrn Magiſter die Ruthe bekommen haben. Aber dafür war geſorgt. Ich hatte eine Liſte angefertigt, worauf ſich alle Anweſenden durch Unterſchrift auf Ehrenwort verpflichteten, nur nach dem Beſchluſſe der allge⸗ meinen Verſammlung zu handeln, und nicht einmal die Stipendiaten ließen ſich verlocken, obgleich eventuell der Verluſt derKrippe in Ausſicht ſtand. Da ſaßen die hochweiſen Herren in der Klemme. Was wollten ſie ohne Zuhörer anfangen? Die Bürger waren voller Wuth, denn all den Metzgern, Bier⸗ und Speiſewirthen, Kaufleuten, Schuſtern, Schneidern waren die Kunden genommen und die Nahrungsmittel ſielen aus Mangel an Conſumenten im Preiſe. Die Frauenzimmer aber rangen die Hände; ſie hatten keine Anbeter und Tänzer mehr, es konnte keine rechte Geſellſchaft gehalten werden. Kurz ganz Gießen war in unangenehmſter Auf⸗ regung; nur die Stiefelfüchſe fühlten ſich behaglich, denn die Stiefel waren mit den Studenten ausgezogen und ſie hatten außerordent⸗ liche Ferien. Da kratzten ſich der Rector und die übrigen Herren Profeſſoren hinter den Ohren. Man hielt Sitzungen den ganzen Tag und die Nacht bis zur Dämmerung der Morgenröthe; be⸗