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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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mit den Dragonerſäbeln waren unüberſehbar, und trotz aller eigenen Irritation über die Kopfloſigkeit der Behörde hatten wir, eingedenk unſerer ſchweren Verantwortlichkeit als leitende Vertreter von 400 jugendlichen Brauſeköpfen, doch kaltes Blut genug, Das in ge⸗ bührende Rechnung zu bringen. Ich citire hier abermals den ſpäteren Bericht des Frankfurter Journals.Ob dieſe Maßregel hinlänglich motivirt war, wird bezweifelt. Auf alle Fälle ſollte man mit ſolchen Schritten behutſam ſein, da ſich, wie die Erfahrung lehrt, daraus ſo leicht blutige Folgen entwickeln. Dieſes mochten auch die beſonnenen Studirenden, deren die hieſige Univerſität viele zählt, wohl fühlen und deßwegen einen ſogenanntenAuszug eher fördern, als hindern. Bedrohlich war der Standpunkt allerdings und man durfte wohl auf eipziger) Auguſtereigniſſe gefaßt ſein.. . Alſo Auszug in Gottes Namen! Aber wohin? Einige ſchlugen das ohngefähr 2 Stunden von Gießen, nach Marburg zu, gelegene Stauffenberg vor, ein kleines Dörſchen am Fuße einer mittelalterlichen Schloßruine. Das war ein bekannter entlegenerer Ausflugsort der Gießener und klang im Hinblick auf das oft ge⸗ ſungene:Ihre Zinnen ſind zerfallen und der Wind ſtreicht durch die Hallen etwas romantiſch. Ala bonne heure, wir ziehen nach Stauffenberg. Es war unſere akademiſche secessio in montem sacrum, des populus gegen den senatus. Wir lagerten uns auf einer Wieſe vor der Stadt, damit inzwiſchen behuſs thunlichſter Solennität die Fahnen der Corps und Verbindungen von den Kneipen geholt werden und die Einzelnen ſich daheim noch die erforderlichen Gelder und Kleidungsſtücke beſchaffen, reſp. erſtere nöthigenfalls vom Hausphiliſterpumpen konnten. Als Quartier⸗ macher wurden Greim(ſetzt Oberſchulrath in Darmſtadt) unddie Raſſel Koch(jetzt Oberförſter in Oberheſſen) vorſorglich einſtweilen nach Stauffenberg vorausgeſchickt, und daß Dies ein Gebot der Klugheit war, hat uns Angeſichts der beſchränkten Näumlichkeiten des kleinen Dörſchens die Folge gelehrt. Nachdem alle Präliminarien erledigt, ordnete ſich der nur durch die vorläufige Abweſenheit der gerade ihren Commers auf dem Schiffenberg abhaltenden Starken⸗ burger in ſeinem vollen Beſtande geſchwächte, immerhin ſtattliche Zug. Voran ſchritt, auf einer gravitätiſch umgehängten Knaben⸗ trommel regelrecht den Wirbel ſchlagend, der etwas excentriſche Chemiker Haaßhel, dernarrige Apotheker, wie wir ihn nannten. Dann kamen die luſtig im Winde flatternden Fahnen ſämmtlicher Corps und Verbindungen und hinterdrein wir Alle in gewöhnlichen und Cerevismützen, theilweiſe mit Schlägern bewaffnet, in buntem Durcheinander, unter dem Geſange der beliebteſten Kneiplieder, namentlich aber des momentan packendſten:Lidjum lidjum