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Gleichheit beſtehe darin, excentriſche, aus natürlichem Rechts⸗ gefühl hervorgegangene Ausflüſſe des Aſſociationsgeiſtes unſerer Studenten mit den Artikeln des Strafgeſetzbuches über Auf⸗ ruhr in Verbindung zu bringen und die auf dieſem Wege gefundenen Criminalverbrecher durch militäriſches Einſchreiten zur Ord⸗ nung zurückzuführen. Die neueſte Zeit liefert den Beweis, welche allgemeine Erbitterung ſolche Maßregeln hervorrufen, und daß ſie mehr Unglück erzeugen als abwenden. Der Soldat, beſtimmt zum Dienſt gegen äußere Feinde, wird, zum Executanten von Civilbe⸗ hörden gemacht, entweder zum Geſpötte oder zum Gegenſtande der Erbitterung, weil er nur nach ſeiner Ordre, ohne die Umſtände zu beachten, vorſchreitet.“
Wir Studenten waren über dieſe unerwartete Dragonade natürlich auf das Aeußerſte erbittert. Es fehlte nicht an muth⸗ willigen Verhöhnungen der Soldateska, die, wenn nicht der humane, dafür vor dem Abzug von dem Gießener Gemeinderath mit aus⸗ drücklicher wohlverdienter Dankſagung beehrte Commandeur den erforderlichen, in dieſer Situation wahrlich ſeltenen Tact bewieſen hätte, ſicher zu blutigen Conflicten geführt haben würden. So erinnere ich mich, daß ich, an der Spitze von einigen Dutzend kecker Genoſſen, den Stock zwiſchen den Beinen, wie die Knaben Soldatchens ſpielen, unter regelrechtem Commando vor der Fronte einer Abtheilung Chevauxlegers, die vor der Aula hielt, zum Hohn vorüber⸗„ritt“. Den perſiflirten Reitern und namentlich ihren ſtrammen Unterofficieren mag ob dieſes beleidigenden Muthwillens die Hand nach dem Säbel gezuckt haben, aber ihr braver Ritt⸗ meiſter hatte ſie glücklicher Weiſe gut inſtruirt und—„die Regimenter feſſelt das ſtarre Commando.“
Gleichzeitig wurde durch die Schelle bekannt gemacht, daß die Feierabendſtunde auf 10 Uhr beſchränkt ſei und alle Studenten, welche ſich in einer Gruppe von mehr, als 6 Köpfen, auf der Straße zuſammenfänden, ſofort verhaftet werden ſollten. Die ohne Noth in Scene geſetzte militäriſche Intervention und nun gar dieſer polizeiliche Ukas waren uns denn doch zu arg. Hatten wir auch gerade keinen Ueberfluß an„Milch frommer Denkungsart“, ſo mußten doch deren wenige Tropfen ſich dadurch„in gährend Drachengift verwandeln.“„Auszug! Auszug!“ war augenblicklich das allgemeine Feldgeſchrei.„Mit den Chevaurlegers bleiben wir nicht zuſammen, wenn nicht Jeder mit einem Schläger oder krummen Säbel ſich bewaffnen kann!“ Wir Mitglieder des Ausſchuſſes ſuchten um jeden anſtändigen Preis eine ernſte Colliſion zu ver⸗ meiden und gaben dieſer Forderung, ſo anachroniſtiſch ſie uns ſelbſt damals auch erſcheinen mochte, deßhalb gerne nach. Die traurigen Folgen eines wirklichen Zuſammenſtoßes der ſtudentiſchen Schläger


