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und nach einer kurzen energiſchen Anſprache an die verſammelten Commilitonen las ich aus dem Prinz'ſchen Perſonalverzeichniſſe nach alphabetiſcher Reihefolge laut die Namen aller damaligen Studenten der alma mater Ludoviciana vor, wobei jeder An⸗ weſende mit„Hier!“ antworten mußte.(Die Zahl derſelben betrug, meines Erinnerns, etwa 500, und davon waren ca. 400 an der Bewegung betheiligt.) Dieſe militäriſche Muſterung machte einen draſtiſchen Eindruck und jedesmal, wenn mein Namensaufruf un⸗ beantwortet blieb, ertönten Gelächter und allerlei verächtliche Witze. Als ich bei dem letzten Buchſtaben einen gewiſſen Studioſus juris, Z., nannte, der einſt bei einer ähnlichen Gelegenheit unter Hinweis auf die einflußreiche Stellung ſeines Bruders bei Hofe ſeine Nicht⸗ betheiligung damit motivirte, daß er ſich ſonſt„ſeine Hoſcarridr e verderben würde“, und das Hier! ſelbſtverſtändlich trotz der Wieder⸗ holung meinerſeite ausblieb, brach ein wahres Gewieher von allen Seiten los.„H Heſearieres Hofcarrière!“ klang es aus mehreren hundert Kehlen, und gerade dieſer Moment iſt mir ſeines Humors halber unauslöſchlich im Gedächtniß geblieben.(Die wirkliche Hof⸗ carrière des Betreffenden iſt ſpäter aus guten Gründen, trotz ſeines eremplariſchen Nationalliberalismus, kläglich in die Brüche ge⸗ gangen. Wenn er aber, etwa 20 Jahre nachher, in einem poli⸗ tiſchen Preßproceſſe als Belaſtungszeuge gegen mich die gehäſſigſten, gänzlich unbegründeten Dinge ausſagte, ſo war das wohl eine nachträgliche Rache für jene Verhöhnung vom Seltersberge.)
Bald kam der Poſtwagen mit unſeren drei relegirten Genoſſen die Straße herauf. Nachdem ihnen die näheren Freunde noch die Hände geſchüttelt, ſtimmten wir das ſchöne G. Schwab'ſche:„Lebt wohl, ihr Straßen, grad und krumm in vollem Chor an und gaben ihnen das„Comitat“ bis an's Ende der Stadt. Aber als Dies geſchehen, ging durch die Tactloſigkeit der Behörde der Scan⸗ dal„erſt recht los“. Der hochwohlweiſe Senat, der diesmal nicht „am großen Faß zu Heidelberg“ geſeſſen, war in ſeiner Desperation auf den Einfall gerathen, vermittelſt des Kreisamts von dem be⸗ nachbarten Butzbach eine Schwadron Chevaurlegers zu requiriren, und dieſe„bärtigen Krieger“ ritten denſelben Vormittag noch, mit Staub bedeckt, unter dem Commando des Rittmeiſters v. Jungen⸗ feld, in Gießen ein, zunächſt im Hofe des Univerſitätsgerichts Platz nehmend. Das hieß natürlich dem Faſſe den Boden einſchlagen. Das„Frankfurter Journal“ bemerkte damals mit vollſtem Recht: „Iſt auch Entſchiedenheit jederz eit im dienſtlichen Leben nothwendig, ſo darf ſie doch, namentlich in der unteren Polizeiregion, nicht mit terroriſtiſcher Rückſſichtsloſigkeit geübt werden, und durchaus ver⸗ werflich erſcheint ein Verfahren, welches, die Verhältniſſe der Uni⸗ verſitäten ganz verkennend, von der Anſicht ausgeht, die geſetzliche 1 3*
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