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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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minder ſtark zwiſchendurch ertönte, ſowie die Parodie auf die hehre heſſiſche Nationalhymne:Gummi elaſtikum! Sauerkraut, Schweine⸗ fleiſch! konnte ebenfalls nicht zu unſeren Gunſten gedeutet werden. Zu einem Choral fehlte uns eben die Stimmung. Kurz es war einRandal, comme il faut, der ſich bis ſpät in die Nacht hin⸗ zog und den ſogar Einer der Unſrigen, stud. arch. L4 1, jetzt Gutsbeſitzer im Odenwald, auf dem Kreuz noch obendrein mit bengaliſchem Feuer beleuchtete. Wie mancher ſolidePhiliſter mag damals unter ſeiner Bettdecke über uns übermüthige Nacht⸗ ruheſtörer geflucht haben! Doch wir ſollten dafür auch empfindlich gezüchtigt werden. Alle hervorragenden Theilnehmer wurden zwei

bis drei Tage daraufvor's Discipel citirt, Guſtav Schloſſer, Rudolf Schlich und derlange Samſtag auf ein halbes Jahr

relegirt, die Anderen entſprechend milder beſtraft, und für mich

ſelbſt datirte von da die obenerwähnte im Anklageact aufgeführte 14tägige Carcerſtrafewegen nächtlichen Straßenunfugs und Ab⸗ ſingung eines Spottliedes auf die Polizei. O, wie fallen mir meine Sünden ein!

Am Vormittag des 7. Auguſt ſollten die drei Relegirten mit der Thurn⸗ und Taxis'ſchen Poſt die Muſenſtadt verlaſſen und wir hatten verabredet, ihnen als denMärtyrern der akademiſchen Frei⸗ heit bis an die Grenze das ſeierliche Geleite zu geben. Zu be⸗ ſtimmter Stunde war Alles in hellen Haufen vor dem Poſtgebäude verſammelt. Da ſich aber aus irgend einem Grunde vielleicht auf Weiſung der Polizei der Abgang des Wagens verzögerte, ſo zogen wir einſtweilen nach dem Seltersberg hinauf, um das erilirte Kleeblatt dort zu erwarten. An der katholiſchen Kirche ſtellten wir uns auf oder lagerten uns je nach Platz und Belieben. Gerade gegenüber befand ſich die Wohnung Jr. Adrian's, des zu⸗ hörerloſen Profeſſors und damaligen Cenſors. Das Inſtitut der Cenſur war bei uns Allen gründlich verhaßt, und als ein Beweis dafür, daß auch ein gewiſſer politiſch oppoſitioneller Zug durch unſere Bewegung ging, entwickelte ſich gleich zu Anfang eine cha⸗ rakteriſtiſche Scene. Ein Student irre ich nicht, ſo war es Gate, aus Mainz trat vor, gebot Silentium und rief mit wahrer Stentorſtimme:Unſerem vielgeliebten Profeſſor Dr. Adrian, dem gewaltigen Cenſor und Gedankenhalsabſchneider, erſchalle ein drei⸗ faches donnerndesPereat! In dieſen energiſchen Proteſt gegen die damalige Knebelung der Preſſe ſtimmte der ganze Chorus ſofort jubelnd mit ein. Um die unfreiwillige Kunſtpauſe, welche ſich darauf ergab, angemeſſen auszufüllen, gerieth ich auf den Einfall, einen förmlichen Verles zu halten, der zugleich Namen und Zahl der Fahnenflüchtigen conſtatiren ſollte. Oben auf dem Hügel, un⸗ mittelbar vor der Kirche, poſtirt, gebot nun auch ich Silentium