pochenden, bloß blaukragige Univerſitätspedellen, keineswegs aber ſimple rothkragige„Polizeiſpitzel“ reſpectirenden Studenten entſpann ſich ein heftiger Wortwechſel, der in allerlei bei ſolchen Gelegen⸗ heiten übliche Thätlichkeiten überging. Der commandirende Polizei⸗ ſergeant eilte zu dem im Wirthslocale anweſenden Polizeirath Zulehner, einem durch ſein oft gar rückſichtsloſes Vorgehen ſehr unbeliebten Beamten, um ſich bei ihm, Angeſichts unſerer aka⸗ demiſchen Ausnahmeſtellung gegenüber der bürgerlichen„heiligen Hermandad“, die erforderliche Inſtruction zu holen. Auf deſſen ausdrückliche Weiſung zog dann der Polizeiſergeant, als der be⸗ kneipte Studio ſich durchaus nicht beruhigen laſſen wollte, blank vom Leder und hieb den Letzteren über das Geſicht, ſodaß er blutend(übrigens durchaus nicht lebensgefährlich verwundet) zu⸗ ſammenſtürzte. In Folge davon ließ der Polizeirath ohne Weiteres die Ballmuſik„mitten im Walzer“ aufhören, und es gab ein„unter⸗ brochenes Opferfeſt“ zum laut geäußerten Aerger der anweſenden „honoratiorigen“ Väter und Mütter, ſowie ihrer Söhnlein und Backſiſche. Namentlich die inzwiſchen verſtorbenen liberalen zwei Advokaten Welcker und Diehin nahmen ſich als„alte Herren“ der verletzten Studentenſchaft höchſt energiſch an und proteſtirten gegen den ohne alle Noth ſtattgefundenen Polizei⸗Hieb.„Solche Ein⸗ ſchreitungen der niederen Polizei“, ſagte das vor mir liegende Frankfurter Journal vom 3. Auguſt 1846,„zumal wenn ſie ohne Gründe und ſtürmiſch erfolgen, ſind es, welche auch den loyalſten Bürger erbittern und der Verwaltung dadurch in hohem Grade ſchaden“. Ein Glück war's, daß der Scandal ziemlich ſpät Abends paſſirte, ſonſt würde der für uns Alle obligatoriſche Ruf:„Burſch' heraus!“ erſchollen ſein, und es hätte zu ſtarken Erceſſen unſerer⸗ ſeits gegen die ohnehin verhaßte Civilpolizei kommen können. So aber verbreitete ſich die Nachricht, wie ein Lauffeuer, erſt am folgen⸗ den Morgen unter uns. Und das Schöne, was mir heute noch das Herz erquickt, war, daß von dem Moment an aller ſeitherige, oft gar erbitterte Streit zwiſchen den Corps' und uns Allemannen, den burſchikoſen Montecchi und Capuleti, total erſtickt war und wir Alle, auch die anſtändigen„Kameeler“, im Gefühle der gemein⸗ ſamen Sache, den Tomahawk begrabend, uns brüderlich ein⸗ ander die Hände reichten. Ein Einverſtändniß zwiſchen den momen⸗ tanen Führern der verſchiedenen ſtudentiſchen Fractionen war raſch erzielt. Eine allgemeine Studentenverſammlung wurde von ihnen auf den Loos'ſchen Felſenkeller berufen und hier nach kurzer Dar⸗ legung des für uns ſo verletzenden Vorfalls eine Beſchwerdeſchrift an den akademiſchen Senat entworfen, welche ſich ſofort mit nahezu 400 Unterſchriften bedeckte. Corps, Allemannen und„Wilde“, grüne, weiße, rothe und hellblaue, dunkelblaue und ſchwarze Mützen,
Druckschrift
Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
Seite
12
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten


