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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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Der Andre ſeufzt beim Unterricht, Und Der macht Recenſionen,

Der ſchilt die ſünd'ge Seele aus,

Und Der flickt ihr zerfallnes Haus. O jerum, jerum, jerum!

O0 quae mutatio rerum!

Ja, ja, ſo iſt es, die Zeiten ändern ſich und die Menſchen mit ihnen. Aber im Kerne muß der ächte Bruder Studio trotz alle Dem und alle Dem ſtets derſelbe bleiben und die ideale Lebensauffaſſung, die er auf der Hochſchule eingeſogen, die ihn hauptſächlich von dem, ausſchließlich auf Gelderwerb und materiellen Genuß bedachtenSpieß unterſcheidet darf ihn niemals verlaſſen. Ich habe mir mein Band mit vollſſter Pietät bis auf den heutigen Tag aufbewahrt und hätte meinen kleinen Jungen beinaheabgewandelt, als er es in kindlicher Argloſigkeit als buntes Spielzeug benutzte. Ich mußte hinterdrein ſelbſt über meineſittliche Entrüſtung lachen. Der arme Knabe wußte ja nicht und konnte nicht wiſſen, was dieſer dreifarbige Streifen für mich einſtens und theilweiſe jetzt noch zu bedeuten hatte. Aber es iſt nun einmal ſo und es liegt für Unſereinen in ſolchen Dingen etwas, ſo zu ſagen,Heiliges. Begreife es, wer's kann! rufe ich dem ſpöttiſch achſelzuckenden Philiſterium zu. Das ſchöne Gleichniß W. Hauff's von dem in den Schacht ſelbſt mithinabfahrenden Berg⸗ mann iſt nur zu richtig. Was meine eigene akademiſcheFührung betrifft, ſo will ich des Humors halber hier nur folgende Stelle meines im criminaliſtiſchen Kanzleiſtyle gehaltenen Anklageacts von anno 1850 wortgetreu citiren:.

Der Angeklagte hatte das Gymnaſium zu B. beſucht, ſich ſchon als Knabe durch Fähigkeit und Fleiß ausgezeichnet und ebenſo beim Abgange vom Gymnaſium ein ſehr günſtiges Maturitätszeug⸗ niß erhalten. Er wurde im Frühjahr 1844 als Student der evangeliſchen Theologie und Philologie immatrikulirt, hat aber dieſes Studium ſpäter wieder aufgegeben und mit dem der Rechts⸗ wiſſenſchaft vertauſcht. Vielleicht mag Guſtav von Struve in Mannheim, mit welchem der Angeklagte im Briefwechſel ſtand, dazu beigetragen haben. Denn Struve ſchrieb ihm unterm 8. April 1847: Ich kann dieſe Zeilen nicht ſchließen, ohne meine Verwunderung darüber auszudrücken, daß Sie Theologie ſtudiren. Ich kann mir nicht denken, daß Sie ſich zu einem Geiſtlichen der alten Kirche eignen. Doch es gibt ja jetzt neue Kirchen, die ein kräftiges Wort vertragen können und gebieteriſch verlangen.*)

.)) Struve war Deutſchkatholik und wollte mich, auch ſpäter mündlich, für ſeime neue Kirche gewinnen. Ich hatte aber dazu durchaus keine Luſt. D. V.

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