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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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mich, die Freunde meiner Jugend! Wie ſoll ich dich nennen, du hohes, edles, rohes, barbariſches, liebliches, unharmoniſches, ge⸗ ſangvolles, zurückſtoßendes und doch ſo mild erquickendes Leben der Burſchenjahre? Wie ſoll ich euch beſchreiben, ihr goldenen Stunden, ihr Feierklänge der Bruderliebe? Welche Töne ſoll ich euch geben, um mich verſtändlich zu machen? Welche Farbe dir, du niebe⸗ griffenes Chaos? Ich ſoll dich beſchreiben? Nie! Deine lächerliche Außenſeite liegt offen, die ſieht der Laie, die kann man ihm be⸗ ſchreiben. Aber deinen inneren lieblichen Schmelz kennt nur der Bergmann, der ſingend mit ſeinen Brüdern hinabfuhr in den tiefen Schacht. Gold bringt er herauf, reines lauteres Gold, viel oder wenig, gilt gleichviel. Aber das iſt nicht ſeine ganze Ausbeute. Was er geſchaut, mag er dem Laien nicht beſchreiben; es wäre allzu ſonderbar und doch zu köſtlich für ſein Ohr. Es leben Geiſter in der Tiefe, die ſonſt kein Ohr erfaßt, kein Auge ſchaut. Muſik ertönt in jenen Hallen, die jedem nüchternen Ohr leer und be⸗ deutungslos klingt. Doch Dem, der mit gefühlt und mit geſungen, gibt ſie eine eigene Weihe, wenn er auch über das Loch in ſeiner Mütze lächelt, das er als Symbolum zurückgebracht. Alter Groß⸗ vater! Jetzt weiß ich, was du vornahmſt, wennder Herr ſeinen Schalttag feierte. Auch du hatteſt deine trauten Geſellen ſeit den Tagen deiner Jugend, und das Waſſer ſtand dir in den grauen Wimpern, wenn du Einen beiſetzteſt im Stammbuch. Sie leben!

EinFiducit! rufe ich ob dieſer poetiſchen, für den Kenner nur zu wahren Schilderung, welche der früher citirten L. Börne's würdig zur Seite ſteht, dem Er⸗Studioſus W. Hauff noch in ſein frühes Grab hinein. Es wargöttlicher Unſinn, den wir mit⸗ unter auf der Hochſchule getrieben, aber der Unſinn war doch wenigſtensgöttlich. Und einer eigentlichen, irgendwie ſittlich ernſt verwerflichen RohheitRöhe pflegte ein mir befreundeter Marburger Commilitone zu ſagen bin ich mir aus meinem Kreiſe nicht bewußt. Im Gegentheile werde ich mitunter ſenti⸗ mental, wenn ich an manche phantaſtiſch⸗idealiſtiſche Deklamationen unſerer Kneipen und Commerſe zurückdenke.

Und was iſt inzwiſchen aus all den fröhlichen Burſchenvon Anno dazumal geworden? Ich habe noch ein Bändchen der Werke des ſeligen Gießener Univerſitätsſecretärsvidit Prinz, ein alphabetiſch geordnetes akademiſchesPerſonalverzeichniß, unter meinen Reliquien. Da ſind gar viele Namen mit dem Kreuze als geſtorben oder verdorben bezeichnet. Und die Ueberlebenden? Von ihnen gilt der alte Vers:

Da ſchreibt mit finſtrem Amtsgeſicht Der Eine Relationen,