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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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Jugend hat eben nicht immer Tugend. Wenn ich daran zurück⸗ denke, daß ich damals Sporen an den Stiefeln trug, ohne jemals geritten zu haben, ſo kann ich jetzt darüber kaum das Lachen unterdrücken. Aber mit dem Klirren dieſer Sporen in partibus verband ſich für mich etwas Ritterliches, was mich über den unbe⸗ ſporntenPhiliſter hinaushob.Es liegt oft tiefer Sinn im kind'ſchen Spiele! Und die Verbindungs⸗Bänder, die wir mit faſt gravitätiſchem Selbſtbewußtſein über der Bruſt trugen, wie oft habe ich ſie ſpäter ſpöttelnddreifarbige Poſamentier⸗Arbeiten genannt! Für uns waren ſie damals mehr. Sie waren das Symbol eines Vereines gleichgeſinnter, nach dem gemeinſamen Ziele wiſſenſchaftlicher Durchdringung ſtrebender, nebenbei das Leben in ſorgloſer Fröhlichkeit genießender Jünglinge, und unter dieſen Bändern ſchlugen friſche, noch nicht von der unglückſeligenRechnungs⸗ trägerei angekränkelte Herzen, für die das oft geſungene:

Wer die Wahrheit kennet und ſagt ſie nicht,

Der bleibt fürwahr ein erbärmlicher Wicht!

inter pocula ſicher ehrlich gemeint war. Die dunkle Zukunft mit ihren Anſtellungs⸗Dekreten und dem ſonſtigen officiellen Appendix kümmerte uns wenig. Wir genoſſen mit vollen Zügen das Heute vor dem Examen war den Wenigſten von uns bange. Und das Heute war ſchön, ſo lange wir noch bei den Hausphiliſtern und auf der Kneipe den ausreichendenPump hatten.Gaudeamus igitur, juvenes dum sumus! Wir intonirten es fröhlich, ſelbſt wenn wir, von der ſeierlichen Beerdigung eines Commilitonen heimkehrend, vor dem Thore der Stadt die Fackeln auf einen Haufen warfen.(Statt desperoat diabolus! hatten wir eine gar boshafte, den damaligen Studenten nur zu wohlbekannte, metriſch vollkommen übereinſtimmende Lesart.)Post jucundam juventutem, post molestam senectutem, nos habebit humus! In dieſer burſchikoſen Lebensphiloſophie liegt nur zu viel Wahres. Du glück⸗ ichejucunda juventus!

Es gibt ſicherlich keine ſchönere, tiefer empfundene Apotheoſe des deutſchen Studentenlebens, wie ich es nach ſeiner idealen Seite hin auffaſſe, als jene prachtvolle Stelle aus Wilhelm Hauff's Phantaſieen im Bremer Rathskeller, die ich deßhalb mit wahrer Pietät hier wortgetreu citire.

Ich komme, ſo ſagt er, an jenem hiſtoriſch denkwürdigen Orte ſich feſtkneipend,an's fünfte Glas, in's fünfte Säculum unſeres Lebens. Ich ſchlürfe euch ein, liebliche Erinnerungen, wie ich dies Glas edlen Rheinweins ſchlürfe. Ihr duftet auf in herr⸗ licher Schöne, Jahre meiner Jugend, wie das Aroma aufſteigt aus dem Römer. Mein Auge wird wacker, o Seele, denn ſie ſind um