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Vorrede.
Es naht der Tag, an dem 200 Jahre verfloſſen ſein werden ſeit der Geburt des Grafen Zinzendorf. Dieſer Tag iſt der 26. Mai 1900. Es iſt alſo Veranlaſſung gegeben, daß das Gedächtnis dieſes Mannes in der evangeliſchen Kirche unſrer Tage wieder wach gerufen werde. Zinzendorf konzentrierte alles, was das Menſchenherz in ſeinen Tiefen bewegt, mit ſeltener Energie auf einen einzigen Punkt, auf die perſönliche Ge⸗ meinſchaft mit dem lebendigen Chriſtus. Darin liegt ſeine Be⸗ deutung. Und dieſe Bedeutung beſchränkt ſich nicht auf die Zeit ſeines Lebens. Auch heute noch ſollte der Mann in ſeinem Streben gekannt und gewürdigt, ſollten ſeine Schriften geleſen werden. Denn der Sammlung aus der Zerſplitterung, dem Einswerden im Mittelpunkt alles Chriſtenlebens bei Verſchieden⸗ heit der Auffaſſung in Nebendingen, einer Sache, die uns heute dringend not thut, dient er noch immer mit der wunderbaren Energie ſeines religiöſen Lebens.
Dieſer Mann, der ſein Leben thatkräftig in den Dienſt ſeines Herrn ſtellte, war zugleich auch Dichter. Er hat wohl an zweitauſend geiſtliche Lieder gedichtet, deren viele einen für unſre heutigen Begriffe ſtaunenswerten Umfang haben. Er dichtete mit außerordentlicher Leichtigkeit, oft improviſierend. Nun liegt freilich nicht ſeine eigentliche Stärke, auch nicht ſeine Haupt⸗ bedeutung in der geiſtlichen Dichtung. Wir werden ihn in der Kirchengeſchichte wohl in erſter Linie immer als einen Mann der That zu betrachten haben. Immerhin iſt ſeine Dichtung, ſowohl nach ihrem dichteriſchen als nach ihrem religiöſen Wert, nicht gering anzuſchlagen. Er war wirklich ein Dichter im vollen Sinn des Wortes. Und er hat zu ſeiner Zeit nicht am wenigſten gerade durch ſeine Gedichte weckend, belebend und gemeinſchaftsbildend gewirkt.


