Jahrgang 
Band 1 (1840)
Seite
412
 
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dem Konvent zum Opfer gefallenen Oberſten, die Tochter des genannten Grafen de Foix, Hortenſe Triſtan. Sie brachte als eine verſchwiegene Botſchafterin ein Schreiben des Grafen, worin er eigenhändig verzeichnet hatte, was des engli ſchen Kapitäns Billet beſagte, und worin er mit aller Beredtſamkeit der Liebe bat, ſeinen guten Willen nicht in den Wind zu ſchlagen und ſeine theuerſte Hor tenſe mitzunehmen in's Land der Rettung. Der Töchter Bitten, des Sohnes Ermahnungen, der Nichte Vernunftgründe, des hochverehrten Bruders Zärtlich⸗ keit beſtimmten am ſelben Abend die Marquiſe, zu thun, wie ihr von allen Sei ten gerathen wurde.Schon der vierte Tag vorüber! ſeufzte Amédeée, da er ſich auf's Lager ſtrekte;wie geſchwinde werden die andern unter den Reiſe⸗ anſtalten entfliehen! Aber Muth! im ſchlimmſten Augenblike ſoll mich das ſtolze Gefühl, alle meine Theuren gerettet zu wiſſen, zum Himmel erheben!

Am fünften Tage merkte Amédée mit Schreken, daß eine heiße Leidenſchaft zu Hortenſe in ſeinem Herzen Wurzel gefaßt; eine Morgenſtunde des ſechſten Tages überzeugte ihn, daß ſeine Leidenſchaſt erwidert wurde. Dieſe Gewißheit würde er einſt ſein höchſtes Glük genannt haben; jezt vernichtete ſie ihn beina be. Des Lebens Ausgang vor ſich ſchauend, empfand er, was ihm das Leben auf einmal tauſendfach werther machte, als es ihm je geweſen. Er zermarterte ſich in einem verborgenen Winkel des Gartens, er verzweifelte, er war daran, ſich den Tod zu geben, um nur das Drama zu beendigen. Da erwachte plözlich wieder die tollkühne Liebe zum Leben in ihm, der ſtolze Trieb der Selbſter hal tung. Träume ich? fragte er ſich,oder wo iſt die Kette, die ich ſchleppe? Vin ich nicht frei? und bin ich verbunden, meinen Mördern Wort zu halten? Die Sirenenſtimme der Geliebten ſchlug an ſein Ohr:Sie werden doch mit uns das Schiff beſteigen? Sie dürfen nur wollen, und Sie ſind frei! Die Schwe ſtern flehten:Verlaß uns nicht! Die Mutter, die ſich mit ſchmerzlicher Gewalt von ihren verheiratheten Töchtern im lezten Lebewohl losgeriſſen, führte den mächtigſten Streich nach Amédse's Herzen:Ich habe zwei Kinder verlo ren! rief ſie;wirſt du ſie mir nicht erſezen, Amédée?Haltet ein, laßt ab ihr habt überwunden, ihr Theuren! entgegnete Linar, Alles hin ter ſich werfend;ich will glüklich ſein! ich gehe, wohin ihr geht! So gingen ſie denn in finſterer Nacht. Die verheiratheten Töchter der Marquiſin hatten nicht geplaudert und Niemand wußte um die Flucht, als die Fliehenden, und am Geſtade wartete ſchon das Boot des Engländers. Die Marquiſe und ihre Töchter und Nichte wurden zuerſt eingeſchifft und ſtießen vom Lande. Amédse und die zwei männlichen Domeſtiken, die das Geheimniß theilten, ſollten nachgeholt werden. Indem jedoch Mutter und Schweſtern der wie ein Stern leuchtenden Maſtlaterne des engliſchen Schiffes zuſchwammen, griff Amedde nach ſeinen Waf⸗ fen, und das Päkchen Gold, das er aus der Marquiſe Schatulle genommen, kam unter ſeine Finger. Eine flammende Röthe überſchoß ſein Geſicht. Griſots, ſei⸗ nes Bürgen, jammervolle Geſtalt trat vor ſeine Seele.Nimmermehr, ſagte er ſich ſelber:werd' ich ihn vollführen, den ſchändlichen Treubruch! Steht nicht Griſot's Kopf auf dem Spiele? Ich Elender, daß ich's nur eine Minute lang vergeſſen konnte! Und mein willfähriger Freund, der Deputirte, ſoll er bitter lächeln dürfen, an mich denkend, und ſagen:Er iſt ſchlecht, wie der ge meinſte Plebejer? Nimmermehr! Und muthig riß er ſich los.Grüßt meine Mutter, Madame Hortenſe und Alle, rief er den Bedienten zu;grüßt ſie