411 ſeinen Thränen kaum Feſſeln anlegen.— Nachmittags beſchwor er die Schwe— ſtern, der Mutter zuzureden. Sie thaten's; die Marquiſe ſträubte ſich noch im— mer.„Wenn du mit uns gingeſt“, ſagte ſie zu Amédée.—„Ich habe dem Kom— mandanten mein Wort gegeben“, erwiderte er betrübt;„haben Sie jemals ge— hört, daß ein Linar ſein Wort gebrochen?“— Alle ſchwiegen, aber Alle fühl— ten, daß es doch in ſolchen Zeitläufen allzuſchwer ſei, den Ruhm der alten Fa— milienehre aufrecht zu halten.— Am dritten Tage kam dem Marquis ein neues Glük vom Himmel. Seine älteſte Schweſter traf ein, ihn zu begrüßen. Sie brachte einige ihrer liebenswürdigen Kinder mit.—„Dieſe ſollt' ich verlaſſen?“ ſprach die Großmutter,„und von dir, Ameédée, mich auf immer trennen?“— Linar wußte nicht, wie ihm geſchah, als ſeine Nichtchen an ſeinem Halſe hingen, als ſein Neffe auf ſeinen Knieen ritt.— All dieſe Häuslichkeit, dieſes ſtille Er— denglük ſollte, mußte er hinwerfen, um der Freiheit blutiges Schaffot zu er— klimmen!— Am Abend kam ein Brief von unbekannter Hand, ohne Unterſchrift, an die Bürgerin Linar gerichtet. Der anonyme Briefſteller rieth ihr, ſich vorzu— ſehen; die Gewaltthaten einiger Weißen gegen wenige Blaue haben den Konvent gereizt; die fürchterlichſten Repreſſalien ſeien befohlen worden. Dem Schloſſe Li— nar drohe, wie allen übrigen, ſtrenge Durchſuchung, den Beſizern Arreſt, ihrem Vermögen die Konfiskation; dieſe Schreken werden binnen Kurzem hereinbrechen über ſchuldige und unſchuldige Häupter.—„Wer hat das geſchrieben?“ fragte die Marquiſe beſtürzt und zitternd den Sohn. Amédée ahnte den warnenden En— gel, ſeinen Freund, das Konventsglied, und dankte ihm im Herzen.„Dies Schreiben kommt von guter Hand“, ſagte er dringend;„folgen Sie dem wohl— gemeinten Rathe. Fliehen Sie; ſollte mir's das Leben koſten, ich will Sie an Bord des Schiffes bringen. Netten Sie Ihr eigenes Leben, Ihre Habe für Ihre Kinder, für die Töchter, die bald ohne Männer ſein werden, da die Senſe der Revolution auch die Köpfe der Abtrünnigen abmähen wird.“—„Und du, mein Sohn?“ klagte abermals die Mutter.— Und mit aller Kraft frommer Verſtel— lung antwortete Amédéee unbefangen:„Bin ich nicht am ſicherſten im Schooße der Armee? Muß nicht einmal Friede werden, vom Sieg oder von der Nieder— lage geboren? Wir ſehen uns jenſeits wieder, Mutter!“ Sein Finger deutete über's Meer; ſeine Seele verſtand das Jenſeits anders.
Der vierte Tag wurde vor Allen niedergeſchlagen begonnen; Amédeée be— ſtimmte aber nach und nach die Seinigen zur ſchnellen und heimlichſten Flucht. Juwelen und Gelder wurden aus ihren Verſteken geholt und gepakt.„Nimm, nimm davon, was du willſt“, ſagte die freigebige Mutter zum Sohne.„Ich will von Allem nur hundert Louisdor“, entgegnete der Sohn;„um mit ihnen eine heilige Schuld zu bezahlen.“— Er wollte Anſtalten treffen, dem engliſchen Schiffe, das unbeweglich im Meere ſtand, ein Signal zu geben. Es war unnö— thig, denn durch vertraute Hände kam ein Billet vom Kapitän des fremden Fahrzeuges an die Dame von Linar. Der Engländer ſchrieb: ihr Stiefbruder, der nach England emigrirte Graf von Foix, habe ihm aufgetragen, die Familie an Bord zu nehmen. Der Graf wiſſe, daß Entſezliches in Frankreich ſich begeben werde, und wünſche, ſeine Familie geſichert zu ſehen. Das Schiff werde bis zu Ende des Monats den Entſchluß der Marquiſe abwarten.—„Ein Wink des Himmels!“ ſagte Amédée ermuthigend. Ein zweiter blieb am ſelben Tage nicht aus. Eine Verwandte kam plözlich zu Fontaines⸗les⸗Bois an, die Wittwe eines,


