Jahrgang 
Band 1 (1840)
Seite
410
 
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Acht Tage auf Ehrenwort.

(Beſchluß.)

Troz der Vorſpiegelungen des Maire fand der Sohn die Mutter daheim. Sie ſaß unter einer beſcheidenen Laube, umgeben von ihren Töchtern Emilie und Mathilde.Ein Bettler! ſagte die Leztere, da ſie des braunen, übelge⸗ kleideten Wanderers anſichtig wurde. Frau von Linar griff in die Taſche, aber Amedée, der ſeinem hochklopfenden Herzen nicht mehr gebieten mochte, rief: Laßt eure Pfennige! gebt heraus den Schaz eurer Liebe, ihr Theuren! und lag in der nächſten Sekunde in den Armen der Seinigen. Sein Glük, Aller Glük war nicht zu ermeſſen; doch trauerte Amédse in deſſen Fülle. Das Geheimniß, das auf ihm laſtete, und um Alles in der Welt der Mutter und den Schweſtern nicht preisgegeben werden durfte, tobte in ſeiner Bruſt neben der Freude und Seligkeit, wie ein grollendes Ungeheuer.Mein Sohn, welch Entzüken bereiteſt du mir! rief die Mutter,aber warum dieſer Auf zug? Linar ſang ihr das Lied vom Requiſitionär, wie vorhin ſeinem Schwa ger, klagte über das unerbittliche Schikſal, das ihn in die Reihen der ſogenann ten Freiwilligen der Republik geſtoßen, redete indeſſen von künftigen beſſern Zei ten und von der Herrlichkeit, mit Erlaubniß ſeines Kommandanten ſechs Tage im Schooß der Heimath verleben zu dürfen. Es wurde von den Damen beſchloſ ſen, ſeine Anweſenheit ſo ſtill als möglich zu feiern, und der Abend ſchwamm hin auf Roſenfittigen der Erinnerung an eine ſchönere Vergangenheit. Am fol genden Tage am erſten der fatalen ſechſe erfuhr Amödce die Lage ſeiner Mutter in ihren geringſten Einzelnheiten. Die Frau war nicht glüklich, obſchon ſtets heiterer Stirne. Sie fürchtete für ihrer Habe Trümmer, für ihre Töch ter; ſie zitterte, jezt des Sohnes Bruſt den feindlichen Waffen preisgeſtellt zu wiſſen. Sie ahnte böſe Erlebniſſe für die Folge.Unglükliche! dachte Linar bei ſich,du weißt nicht das Schlimmſte! Dann kam der Schwager Maire, vor dem, wie vor den wenigen Dienſtleuten, Amédse verſtekt gehalten wurde. Seine Neu gierde ſcharmüzelte vergebens nach allen Flanken. Daß ein Gruß von Amödbe ge bracht worden ſei, mehr erfuhr er nicht. Am Abend kam ſeine von Emilie herbei geholte Frau, die als eine liebevolle Schweſter in's Geheimniß gezogen wurde. Linars Glük ſteigerte ſich; ihm war ſo wohl! Keinen Augenblik ließ er unbe nüzt vorübergehen, und nur allzu ſchnell trennte die Mitternachtsſtunde mit ihren zwölf ſchmetternden Streichen die kleine Verſammlung, die ſich ſo herz lich lieb hatte.

Am zweiten Tage von den ſechſen beſuchte in heiterer Frühſtunde Amédee verſtohlen alle Pläze der Umgegend, woran ſich irgend eine theure Erinnerung knüpfte: das Grab ſeines Vaters, die entweihte, halbzerſtörte Kirche, die Trüm mer des alten Schloſſes. Vom Thurme, den ſeine Ahnen bewohnt hatten, ſah er hinaus auf's Meer. Sein ſcharfes Auge entdekte in der Ferne ein ſtolzes, ru hig ziehendes Schiff. Es trug nicht des alten, nicht des neuen Frankreichs, ſon dern Großbritanniens Flagge. Des Repräſentanten lezte Worte fielen dem Schau enden ein. Mit ſeiner Mutter eingeſchloſſen, drang er in ſie, das undankbare Vaterland zu fliehen, die Schweſtern und Alles von Werth von der ſchlimmen Küſte zu entführen, auf Englands Boden den Sturm der Revolution abzuwar ten.Und du, mein Sohn? fragte hierauf die Mutter, und er konnte