Jahrgang 
Band 1 (1840)
Seite
395
 
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zehn Tage meiner Haft, damit ich meine Familie umarme, mich von derſelben verabſchieden kann. Ich ſchwöre Ihnen bei der Aſche meiner Väter, nach Verlauf der erbetenen Friſt ſtelle ich mich wieder in meinem Kerker. Ich kenne das Los, das meiner wartet; es iſt mir gleichgiltig. Mein Leben hat für mich, wie es jezt in der Welt ſteht, keinen Werth; aber mein Ehrenwort iſt mir bis zum lezten Hauche heilig, wie es dem edelſten Ritter jemals geweſen. Ich will Ihnen alle Acht ungsverſicherungen und leeren Komplimente erſparen, und bitte nur den ehemaligen Edelmann, daß er ſeinem unglüklichen Adelsgenoſſen bald und ge während antworte.

Als der Schließer, der nicht leſen konnte, von dem Conventsmitgliede zu rükkehrte, brummte er ſeinen Gefangenen an:Was haſt du auf den verdamm ten Zettel geſchrieben? Der Repräſentant iſt feuerroth geworden, da er den Wiſch las. Ohne Zweifel bringt dich die Schreiberei ein Paar Tage früher un ter's Meſſer.Gleichviel, antwortete Linar kurz und gefaßt. Er war tete, wartete von nun an mit einer gewiſſen Behaglichkeit. Sein Schreiben mußte ein Reſultat haben, meinte er zuverſichtlich: Gewährung oder beſchleu nigten Tod. Dennoch verzog es ſich bis zum folgenden Tage. Ein Gerichts diener kam plözlich, den Marquis abzuholen.Nimm dein Bündel mit! befahl er. Sie wanderten mit einander zum Stadthauſe, wo ſich das Tribunal einge niſtet. Linar dachte vor ſeinen Richter geſtellt zu werden. Dem war indeſſen nicht alſo. Nachdem er mit ſeinem Begleiter eine Weile in einem Vorzimmer gewartet, deſſen Wände von Republikanerdeviſen und Bildern der Quillotine- mit Kohle geſchrieben und gezeichnet, ſtrozten, öffnete ſich die Flügelt hür im Hintergrund und der Nepräſentant winkte dem Marquis, einzutreten.

Der große ſchöne Mann konnte troz ſeines phan taſtiſchen und gemeinen Aufpuzes die ehemalige vornehme Haltung nicht verleugnen. Die Sprache, die er gegen den Gefangenen annahm, war die der gebildeten Geſellſchaft.Ich ha be Ihr Schreiben erhalten, ſagte er ernſthaft;ohne auf deſſen Details ein zugehen, will ich Ihnen nur ſagen, daß Ihr Zutrauen mich beſonders über raſcht, aber um ſeiner Sonderbarkeit willen angeſprochen hat. Ich glaube an Ihre Aufrichtigkeit uad vertraue mich ganz Ihrem Wort. Doch hängt Ihre Perſon von dem öffentlichen Ankläger ab. Zum Glük iſt er mein ehemali ger Schulgefährte und ein mitleidiger Mann. Mein Fürwort gilt etwas bei ihm. Jedoch verlangt er außer Ihrem Worte noch eine Bürgſchaft, eine ſolide Kaution.Wie ſoll ich dieſe beibringen? fragte Linar bitter;ich kenne Niemand in dieſer Stadt, Niemand weiß von mir. Mein Vater hatte ehedem ſeinen Bankier hier; aber der gute Romarin iſt das Opfer der Stürme gewor den, die heutzutage das Vaterland verheeren.Verſtehen Sie mich recht, unterbrach der Repräſentant den jungen Mann.Ich rede nicht von einer Kau tion im Gelde: ich meine einen Bürgen, der ſich für Sie zur Haft ſtellte, bis Linar lachte etwas verächtlich:Was mir einſt mein Hofmeiſter von Damon und Pythias erzählt hat, wird ſich in unſerer Zeit nicht mehr begeben. Ich habe keinen Freund, der für mich mit ſeinem Halſe bürgte. Ihre Forderung iſt daher eitel wie Ihre Zuſage, die Sie an das Unmögliche knüpfen.Wer weiß? frag⸗ te der Repräſentant mit ſchlauer Miene:Sie urtheilen allzu vorſchnell. Wie, wenn der Bürge bereits gefunden wäre? gefunden durch meine Bemühung? Ih- nen bliebe nur die Verpflichtung, den Mann zu bezahlen. Denn, ich ſag's Ih⸗