394 dern hatte Linars Temperament geſteigert. Ein Adeliger durch und durch, den Aufruhr des wöbels, wie er die Revolution nannte, gründlich haſſend, betrach— tete Linar Alles, was ſich neuentſtanden auf der heimiſchen Küſte ihm darſtellte mit Ekel und Abſcheu. Dennoch konnte er nicht über ſich gewinnen, die Satur nalien der bedeutenden Handelsſtadt ſogleich mit dem Rüken anzuſehen und nach dem Schloſſe der Mutter abzureiſen. Er ſtrich wie ein grämlicher Menſchenfeind hin und her, und nachdem ſeine Galle ſattſam aufgeregt worden, kam es im Theater, wo den Marquis der Spektakel einiger ihn umgebenden Jakobiner är— gerte, zu einer gewaltigen Exploſion. Der zürnende Linar warf mit„Blut— trinkern und Banditengeſindel“ um ſich, wurde von den Rothmüzen mißhandelt, von der Wache ergriffen, in den Kerker geſchleppt, und als des Verbrechens be— leidigter Volksmajeſtät ſchuldig, auf die Liſte des revolutionären Tribunals geſezt.
In jener Seeſtadt waren dazumal die Gefängniſſe nicht ſo überfüllt, daß nicht ein Cachot zur einſamen Abſperrung für diejenigen, die man hart zu hal— ten beabſichtigte, übrig geweſen wäre. Linar mußte einen folchen Peinwinkel be— ziehen, und die Einſamkeit brachte ihn bald zur Ueberlegung. Er berente bitter, was ſeine vorſchnelle Zunge verbrochen. Mit Wehmuth gedachte er ſeiner gelieb— ten Mutter, ſeiner freundlichen Schweſtern, die er nimmer wiederſehen ſollte. Der Verſtand, der kalte Praktiker im poetiſchen Gehirn, ſagte ihm unerbittlich ſein Urtheil voraus: die Todesſtrafe. Als ein Enkel wakerer Degen, hatte Li— nar ihre Unbeugſamkeit zwar geerbt und zitterte nicht vor der blutigen Vergel— tung ſeiner Unbeſonnenheit; dennoch war ſein Herz weich geformt. Ihn verlang— te, den Wunſch der Mutter zu erfüllen, ſie an ſeine wahrhaft kindliche Bruſt zu drüken. Den Schweſtern, dem heimathlichen Wohnſiz, der Gruft ſeines Va— ters und ſeiner Vorfahren hätte er ſo gern ein Lebewohl geſagt!— Wie jedoch dieſes anſtellen? Zum Entfliehen war keine Gelegenheit, der Kerker feſt, der Schließer ein wüſter Patriot, der den ganzen Tag die Carmagnole ſang und von Ariſtokratenhunden redete. Aber der beharrlichſte Projektmacher auf Erden iſt, wer gefangen ſizt zwiſchen vier Mauern. Dem ſo ganz Verlaſſenen ſcheint gar oft nichts unmöglich; der abenteuerlichſte Plan dünkt ihm ausführbar.— Linar, dem es ging, wie jedem andern Gefangenen, blieb bei einem ſolchen Plan ſtehen, wenn gleich Vernunft und Erfahrung ihm tauſendmal zuriefen:„Es iſt verge— bens, umſonſt dein ganzes Vorhaben!“ 7
Linar bettelte mit Golde vom Schließer ein Stük Papier, eine elende Fe— der und blaſſe Dinte. In Anweſenheit des Cerberus, deſſen Gefälligkeit er theuer zu erkaufen gezwungen war, ſchrieb er an den im Departement herrſchenden Volksrepräſentanten, den er nicht kannte. Von demſelben wußte Linar gerade nur, daß er aus einer altadeligen Familie abſtamme. An dieſen lokern Faden knüpfte Linar ſein ganzes Projekt. Er ſchrieb dem Allmächtigen kurz und gut Folgendes:„Bürger Repräſentant! Erlaſſen Sie mir das republikaniſche Du; erinnern Sie ſich dafür nur einen Augenblik Ihrer Herkunft und Ihres zerbro— chenen Wappens. Ihre Vorfahren haben zur Eroberung Englands geholfen; die meinigen haben unter dem tapfern Dunois gegen die Engländer geſtritten. Wenn ich nicht irre, ſo iſt vor langen Jahren einmal Ihr Haus mit dem mei— nigen verſchwägert geweſen. Sie wiſſen ohne Zweifel, daß ein Linar noch nie⸗ mals ſein Wort gebrochen hat. Trauen Sie auch heute der Ehre eines Mannes, der Ihre politiſchen Grundſäze nicht theilt. Entlaſſen Sie mich nur auf vier—


