389
Aepfeln berausgeholt und ihren Plaz durch ein zuſammengerolltes Papier aus⸗ gefüllt habe.—„Es konnte dieſem Manne nicht mißlingen,“ ſagte er dann;„du mochteſt wählen, wie du wollteſt. Er war im Einverſtändniß mit dem Fruchthänd⸗ ler, der dich nicht länger bedienen ſoll; deinen Gaukler werde ich an Fouché em⸗ pfehlen und—“—„Ach! Bonaporte, ich bitte dich, laß ihn nur nicht bei mir ergreifen, taſte die Unverlezlichkeit meines Hauſes nicht an.“—„Bei dir? Er iſt alſo hier?“—„Nein, aber er wird wiederkommen; ich hoffte, dich am Abend mit ſeinen Kunſtſtüken zu unterhalten.“—„Fouche wird ihn ſchon finden.“— — Ohne ſodann weiter auf Joſephinens Gegenreden zu hören, ſtieß er mit dem Fuße die Aepfelſchnitte und die Petitionen, welche auf dem Fußboden lagen, hin— weg und eilte ſeinem Wagen zu, um geſtrekten Laufes nach Paris zurükzukehren.
Joſephinens Kummer war unbeſchreiblich. Sie ließ Georges Marec in der Umgegend von Malmaiſon ſuchen und gab ſich alle erſinnliche Mühe, ſeinen Auf⸗ enthalt ausfindig zu machen. Sie wollte ihm Gold geben und ihn durch einen ihrer Leute nach der Grenze geleiten laſſen; aber alle ihre Bemühungen waren vergeblich. Endlich kam die Zeit des Mittageſſens heran, und Joſephine, von unangenehmen Gedanken beläſtigt, ließ alle Speiſen unberührt. Als das Deſ⸗ ſert aufgetragen wurde, öffneten ſich beide Flügelthüren und es erſchien Georges Marec mit ſeinem Tiſchchen, ſeinem Ebenholzſtabe und ſeiner Taſche.
„Fliehen Sie, mein Herr, fliehen Sie!“ rief ihm Joſephine zu,„oder Sie ſind verloren. Sie haben franzöſiſche Soldaten ermordet und verdienen den Tod. Ich kann Ihnen in meinem Hauſe nicht länger eine Zuflucht eröffnen.“— Der Taſchenſpieler blikte ruhig auf Joſephinen hin und bat ſie, ihm eine Vier telſtunde zu ſchenken. Zugleich ſtellte er den Tiſch auf und holte die Becher aus der Taſche hervor. Diesmal bot er Joſephinen weder Rubine noch Diamanten an; auch ließ er keinen Blumenregen ſich ergießen, ſondern es ſtürzten aus ſei— nen Bechern kleine Soldaten, Faßgänger und Reiter, hervor.
„Dies,“ ſagte er,„ſind die Oeſterreicher, die Preußen, die Ruſſen, wekche ſich in der Ebene entfalten. Sehen Sie ihre Bataillone, ihre Geſchwader, ihre Diviſionen; ſehen Sie auf einem weißen Pferde Melas, ihren Führer, auf ei⸗ nem Schwarzen Suwaroff, welcher dem heiligen Nikolaus die Flinten der Franzoſen verheißen hat. Dort iſt die franzöſiſche Armee; ſehen Sie den Gene⸗ ral Bonaparte, er ſtrekt die Hand aus, und alle dieſe Haufen ſtürzen gegen ein⸗ ander los. Hören Sie den Donner der Kanonen, das Schmettern der Trompe⸗ ten? Sehen Sie die dreifarbige Fahne? Es lebe die Republik! Es lebe der General Bonaparte!“— Und alle dieſe Soldaten ſchienen aus den Bechern des Taſchenſpielers hervorzuſtürzen und ordneten ſich auf dem Tiſche, wo ſie die Be⸗ wegungen vollführten, die Georges Marec kommandirte. Als die Schlacht ge— wonnen war, kehrten Sieger und Beſiegte in die Taſche zurük, und der Taſchen— ſpieler erklärte ſich bereit, der Frau des erſten Konſuls noch wunderbarere Din— ge zu zeigen: Muhrad-Bey, die Mameluken, Kleber, Junot, Deſaix, die Schlacht bei den Pyramiden. Joſephine aber, welcher die Gefahr, der ſie dieſen Mann ausgeſezt glaubte, jeden Genuß verkümmert, ſagte zu ihm:„Nehmen Sie dieſes Gold, und entfernen Sie ſich.“—„Erweiſen Sie mir noch eine Gnade,“ erwiderte der Taſchenſpieler;„öffnen Sie einen dieſer Aepfel.“— Joſephine thut, um was Sie gebeten wurde, und fand folgenden Brief:


