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eine Spalte in dem Geſteine konnte ich ungefährdet die gräßliche Szene, die ſich meinen Augen darbot, überbliken. Mein greiſer Vater, meine zwei Brüder, mein Geliebter wehrten ſich mannhaft. Doch ſie mußten der Uebermacht unter— liegen, und o Jammer! ich mußte es ſehen, wie einer nach dem andern ſein Leben unter den Händen der Wüthriche aus hauchte. Das Blut der Erſchlagenen rie— ſelte bis in meinen Aufenthaltsort und beſchmuzte meine Kleider. Nachdem die Barbaren alle meine mir Theuern gemordet hatten, brachen ſie unter Flüchen und Toben in das Haus ein, plünderten es ganz aus und ſtekten es in Brand. Nach einer Stunde zogen die Krieger mit Beute beladen ab und dann erſt wagte ich mich aus meinem Verſtek heraus. Mit zitternden Gliedern betrat ich den Kampfplaz. Schweſter Ines lag in einer tiefen Ohnmacht unter den Gewürgten. Nur mit Mühe gelang es mir, ſie ins Leben zurükzurufen. Sie ſchwur einen fürchterlichen Eid, die Gefallenen zu rächen. Blutig hat ſie ihn gehalten. Für jedes uns theure Leben, an jenem unglükſeligen Tage genommen, hat ihr rä— chender Arm zehn unſerer Feinde geopfert. Als ihr den Wein, den Euch Ines reichte, mistrauiſch zur Seite ſchobt, hielt ich dies für einen Fingerzeig der heiligen Jungfrau, der mir anzudeuten ſchien, Euch zu befreien. Ich habe ih— rem Befehle Folge geleiſtet, Ihr ſeid gerettet.“—„Wie kann ich dir danken.“ —„Benüzt Euer Leben,“ unterbrach ihn Eſtella,„zu guten Werken, helft durch Euern Einfluß die Leiden meiner unglüklichen Landsleute, wo möglich, mildern, und ihr werdet mir ſo meine That am beſten belohnen.“
Bevor ihr noch Julius ſeine Ergebenheit durch Worte an den Tag legen konnte, war Eſtella in dem nahen Gebüſche verſchwunden. Lange ſtarrte ihr der Gerettete nach, dann beſtieg er den nicht allzu hohen Berg, an deſſen Fuß ſie mittlerweile angelangt waren, und kam bei Tagesanbruch ohne weitere Aben— teuer bei ſeinen Vorpoſten an.
Ein Jahr war ſeit jener verhängnißvollen Nacht in den Strom der Zeit dahingefloſſen.. Julius de St. Paul war indeſſen bis zum Range eines Brigade— Chefs emporgeſtiegen. Nicht die manigfaltigſte Zerſtreuung, nicht das wilde Kriegsgetümmel konnte den düſtern Eindruk, der die Begebenheit jener Nacht in den Bergen der Sierra-Morena auf ihn gemacht hatte, verwiſchen. Immer umſchwebte ihn das holde Bild Eſtellens. Ein, ihm unerklärliches Gefühl— war es Mitleid? war es Liebe 2— hatte ſein Herz beſchlichen. Unwiderſtehlich zog es ihn nach dem traurigen Aufenthalte der beiden unglüklichen Schweſtern. Der Zufall begünſtigte ſeinen Wunſch. Julius wurde mit ſeinem Regimente in die Nähe des Aufent halsortes ſeiner geliebten Eſtella ſtationirt. Durch ſeinen län— gern Aufenthalt in Spanien hatte er die Sprache des Landes, gleich einem Eingebornen, vollkommen erlernt. Nicht länger konnte er mehr dem Drängen ſeines liebenden Herzens widerſtehen. In die Tracht eines gemeinen Maul- thiertreibers gehüllt, trat er die Wanderung nach dem Orte— der ſein Theuerſtes barg— an.
Bange Zweifel beängſtigten unterwegs ſein wundes Herz.„Wird ſie dich lieben können,“ ſprach er dumpf vor ſich hin,„wird ſie dem Feinde ihres Vaterlandes die Hand reichen wollen zum ewigen Bunde?“ doch bald hatte ſein hoffendes Herz die beunruhigenden Zweifel unterdrükt, und er verdoppelte ſeine Schritte, als er durch das Gebüſch die Ruinen des verfallenen Herrenhauſes er⸗


