386
Das Vachtlager in der Sierra- Morena.
(Beſchluß.)
Julius kräftige Fauſt hatte bald eine hinlänglich große Oeffnung in das Getäfel gebrochen, durch welches nun der klare Mond hereinſchien und ein jun— ges Mädchen von ſeltener Schönheit beleuchtete. Julius blieb bei ihrem Anblike verwundernd ſtehen. Er konnte ſeinen Blik 1 5 wenden von der holden Er—
ſcheinung, die in ein weißes Kleid gehüllt, gleich einer Traumgeſtalt, im klaren Mondeslichte, vor ihm ſtand,„Folget mir, ehe es vielleicht zu ſpät iſt,“ ſprach
die Fremde haſtig.—„Ich werde früher meine Gefährten weken,“ antwortete Julius, indem er mit Verwunderung auf ſeine ſchlafenden Soldaten blikte, wel— che das Gepolter des herabfallenden Getäfels nicht gewekt hatte.—„Die ſchla— fen den ewigen Schlaf,“ erwiderte die Sängerin, einen düſteren Blik auf die Krieger werfend,„das Gift hat ſeine Wirkung gethan,“ fügte ſie ſpäter mit dumpfem Tone hinzu.— Julius ſah ſtarr auf ſeine lebloſen Gefährten, dann ſeine Rechte ans Schwert legend, rief er im Tone höchſter Leidenſchaft:„Ent— weiche von hier trügeriſches Geſpenſt der Hölle, ich bleibe, und werde meine Ge— fährten rächen.“—„Hier,“ rief das Mädchen,„durchſtoße meine Bruſt, denn wiſſe, ich bin die Mörderin deiner Genoſſen. Friſch auf! zögere nicht!“ fuhr ſie heftig fort,„ſind doch ſchon alle meine Lieben gefallen unter den mörderiſchen Händen deiner Landsleute.“ Sprachlos ſtand Julius vor dem ſonderbaren Weſen, das von den Strahlen des Mondes beſchienen, wie eine Erſcheinung aus höhern Re— gionen vor ihm ſtand. Noch einen wehmüthigen Blik warf er auf ſeine geopfer— ten Gefährten, dann die Rechte heftig an ſeine glühende Stirne preſſend, folgte er ſeiner voraneilenden Führerin.
Julius folgte ohne aufzubliken ſeiner holden Leiterin, die leicht wie eine Sylphe vor ihm hinſchwebte. Da machte ſeine Begleiterin plözlich Halt. Julius blikte auf und ſah ſich auf einem freien Vlaze, von wildem Geſtrüpp und Bäu— men umgeben, rechts führte ein ſchmaler Fußſteg durch das verworrene Gebüſch.— „Ich habe Euch vom Tode errettet,“ ſprach die Jungfrau mit mildem Tone, „noch iſt jedoch meine Beſtimmung nicht erreicht. Ich werde Cuch auf jenen ver— ſchlungenem Pfade an einen Ort geleiten, von wo Ihr leicht die Vorpoſten Eures Heeres erreichen könnt. Bliket zurük auf die Ruinen, die wir verlaſſen,““ fuhr ſie fort, mit ihrer Rechte nach dem verfallenen Gebäude zeigend,„die Hab— gier Eurer Landsleute hat das einſt prachtvolle Gebäude meines Vaters in einen Schutthaufen verwandelt.“—„Wer biſt du, ſonderbares Weſen,“ unterbrach ſie Julius,„das, ohne mich zu kennen, mich vom Tode errettet hat?“—„Ich bin Eſtella, die jüngere Tochter des Grafen de los Tormes. Jene Ruinen dien— ten unſerer Familie zu ihrem Sommeraufenthalte. Dieſen Sommer ſollte meine Vermählung mit dem Grafen Ramon de Bone gefeiert wurden. Alles wurde zur hochzeitlichen Feier hergerichtet. Eines Abends ſaßen wir Alle im Parke un⸗ ter den Schatten hundertjähriger Korkbäume. Ich ſaß auf einer Naſenbank und ſang, mich mit meiner Laute begleitend, ein frohes Lied. Mein Geliebter batte zu meinen Füßen Plaz genommen und lauſchte aufmerkſam auf meine Tö— ne. Da brachen plözlich aus dem Gebüſche wilde, bärtige Krieger hervor und ſtürzten ſich auf uns, die wir ſolches Ueberfalls nicht gewärtig waren. Die Män⸗ ner ſezten ſich zur Wehr, und ich entfloh in eine benachbarte Felſenhöhle. Durch


