Jahrgang 
Band 1 (1840)
Seite
380
 
Einzelbild herunterladen

380

ſonſt hätte ich Gerichte herbeizaubern können, die heute auf Ihrer Tafel fehl ten, die Rothfeder des Mittelländiſchen Meeres, die Sardelle von Royan oder die kleinen Silberfiſche, welche in dem Theile der Welt geſiſcht werden, wo Ma dame zum Heile Frankreichs geboren iſt. Madame, Sie dürfen indeſſen nur be fehlen. Wünſchen Sie einen flekenloſen Diamant oder die Graſemüke der Haine, einen orientaliſchen Rubin, oder eine Nachtigall?

Der Mann, welcher ſo den ganzen Reicht hum der Natur zu Joſephinens Verfügung ſtellte, ſchien zu wünſchen, daß ſie ſich für eine Nachtigall entſcheiden möge, denn er näherte ſein Ohr dem Becher, und es ſchien faſt, als ob er ſchon die ſchmelzenden Töne der Sängerin des Frühlings vernähme. Joſephine, deren Neigungen indeß ſehr einfach waren und die einen Blumenſtrauß einen Diaman tenſtrauße vorzog, wählte weder einen Diamant, noch eine Nachtigall, ſondern eine Roſe. Kaum war das Wort ihrem Munde entſchlüpft, als der Taſchen⸗ ſpieler den Becher umſtürzte und der erſtaunten Zuſchauerin eine Roſe zeigte, die ſich anmuthig auf ihrem Stengel ſchaukelte und das Gemach mit ſüßem Dufte erfüllte.

Mein Gott! rief Joſephine aus,Sie haben die ſchönſte Noſe meines Treibhauſes abgeſchnitten, die Roſe, welche ich morgen Bonaparte ſchenken woll te, weil ſie ſich erſt in dieſer Nacht völlig entfalten wird.Enſchuldigen Sie, Madame, erwiderte der Taſchenſpieler höflich,dieſe Roſe gehört mir, und ich habe die Ehre, ſie der Gemahlin des erſten Konſuls zu überreichen; nie

würde ich wagen, Hand an die Blumen derſelben zu legen; überdies habe ich das Treibhaus gar nicht betreten. 5

Joſephine ſchikte einen ihrer Vedienten ab, um die Wahrheit dieſer Ve⸗ hauptung zu erkunden, und man ſagte ihr, daß die Noſe, welche ſie dem erſten Konſul beſtimmt batte, unverlezt ſei. Joſephine, welche leichtgläubig wie eine Kreolin war, konnte ihre Bewunderung nicht bergen. In der That war nichts im Stande, den Mann, der ſie ſo angenehm unterhielt, in Verlegenheit zu ſezen. Bald zauberte er aus ſeiner Taſche einen Schwarm Vögel hervor, welche die Broſamen aufpikten, bald füllte er ein Glas mit Waſſer, und wenn er es umſtürzte, ergoſſen ſich Blumen ohne Zahl auf die Anweſenden. Als die Be wunderung den höchſten Grad erreicht hatte, faßte Joſephine in einen Pompa⸗ dour, der an ihrem Lehnſtuhle hing, um einige Goldſtüke daraus hervorzuſuchen, als der Taſchenſpieler ſich ihr zu Füßen warf.Madame, ſagte er,Sie kön nen mich hundertfach für das kleine Vergnügen belohnen, das ich Ihnen bereitet habe, ober nicht mit Gold. Eine Gnade, Madame, eine Gnade Welche? fragte Joſephine. Da bat der Wundermann ſie, einen der Aepfel zu eſſen, die auf dem Tlſche lagen. Joſephine ſtrekte die Hand nach ei nem derſelben aus und ſezte das Meſſer an mit der Unentſchloſſenheit einer Frau, die auf ein Wunder gefaßt iſt. Sie durchſchnitt ihn und fand im Innern deſſel⸗ ben eine Bittſchrift an den erſten Konſul. i

Madame, ſagte der Taſchenſpieler,Sie ſehen einen Unglüklichen vor ſich, der ſich in den Streit der Kriege gemiſcht und an den Kriegen gegen die Republik Theil genommen hat. Ich habe in der Vendse mit einer Kokarde ge fochten, welche nicht mehr die meines Vaterlandes iſt, und als die Partei, der ich diente, beſiegt wurde, floh ich, um in der Fremde zu leben. Mein Vater land hat mich ausgeſtoßen, mein Name iſt von der Liſte der Bürger geſtrichen