Jahrgang 
Band 1 (1840)
Seite
379
 
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zug konnte er vernehmen, obwohl ſein Gemach dicht an den Hofraum ſtieß. Die ſonderbare Wirthin hatte ſich in den entgegengeſezten Flügel des Gebäudes zu rükgezogen. Eine Todtenſtille herrſchte rings herum, welche nur manchmal durch das Auffliegen irgend eines Nachtvogels unterbrochen wurde. Das Feuer war endlich ganz erloſchen und die Geſtalten der Schlafenden wurden immer un deutlicher; da ſuchte Julius, von den Beſchwerniſſen der Reiſe ermüdet, ſein Lager auf und verſank bald darauf in einen leiſen Schlaf. Er war kaum eine Stunde eingeſchlummert, als ihn Lautenklänge erwekten. Lauſchend trat er ans Fenſter, und vernahm eine ſanfte liebliche Stimme, die leiſe, jedoch verſtändlich, folgende Ballade aus der Maurenzeit herſtammend ſang: Der halbe Mond erhaben ſteht, Das Kreuz zu ſinken droht, * Vergebens um Erlöſung fleht Der Spanier, aus der Noth. Verwüſtet iſt das Vaterland, Und auch der lezte Held Erſchlagen liegt, durch Feindeshand, Auf blutgetränktem Feld. Ihr Brüder all', vertraut auf Gott, Er rächt der Feinde That, Nicht lange mehr uns drükt ihe Spott, Das Rache-Schwert es naht.

Die leztern Verſe, mit Haſt ausgeſprochen, erregten ein unheimliches Gefühl in dem Horcher. Er ſchritt, bei dem fahlen Lichte des Mondes, der Gegend zu, von wo die Stimme erſcholl, und rief laut:Wer biſt du, unbekannte Sänge⸗ rin, die du durch deinen Geſang den Schlaf von meinen Augen ſcheuchteſt? Ein Feind, erwiderte die nämliche ſanfte Stimme von vorhin.Erbrich mir einen Durchgang durch das morſche Getäfel und ich befreie dich.

(Beſchluß folgt.)

Joſephine und der Taſchenſpieler Marec.

In der erſten Zeit des Konſulats, als Bonaparte wirklich Cäſar ward, d. h. unumſchränkter Herr in einem Staate, der noch den Namen der Republik führte, verließen er und ſeine Gemahlin häufig Paris, um einige Stunden in Malmaiſon zuzubringen.

Eines Abends ſpeiſte Joſephine faſt ganz allein in Malmaiſon, als in dem Augenblike, wo man den Nachtiſch auftrug, ein Mann bei ihr eingeführt wur⸗ de, der ungefähr fünfzig Jahre alt ſein mochte. Derſelbe trug einen klei⸗ nen Tiſch herbei, welchen er vor Joſephinen hinſezte und über welchen er ei⸗ nen abgenuzten Teppich ausbreitete. Als dieſe Vorbereitungen getroffen wa⸗ ren, zog der Unbekannte aus einer Taſche drei zinnerne Becher hervor, mit de nen er allerlei Taſchenſpielerſtükchen begann. Die Kugeln vervielfältigten ſich unter ſeinen Fingern und bildeten nach ſeinem Winke allerlei Figuren, bis ſie im Nu wieder verſchwanden. Hierauf berührte er mit ſeinem Stäbchen von Eben holz den wunderſamen Becher und ſagte:Madame, Sie dürfen nur einen Wunſch aussprechen. Es thut mir ſehr leid, daß Sie Ihr Mahl ſchon beendet haben;