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Lange dauerte dem Gefangenen die Reiſe. Keiner ſeiner Begleiter ſprach ein Wort. Die ungefähre Richtung wollte der Alte herausklügeln, doch war er troz den ihm genau bekannten Wegen der Umgegend durch die verſchiedenen Wen— dungen des Wagens gänzlich irre geführt, der im Innern übrigens ſo verhängt war, daß auch kein Strahl des Mondenlichts hätte hindurchdringen können. Endlich ſiegte der Schlaf über den alternden Mann.
Stunden waren vergangen, als plözlich das Raſſeln des Wagens über Steinpflaſter ihn wekte. Bald! hörte er den Fall einer herabgelaſſenen Zugbrüke, noc einige Schritte rauſchten die Räder abermals über Pflaſter, und dann hielt die Kutſche ſtill. Zum erſten Male ergriff ein Schauder über ſein blutiges Hand— werk den ſonſt ſo muthigen, kaltblütigen Mann, als der Augenblik der Entſchei— dung ſeines Schikſals heranrükte. Vorſichtig vermummten ihm ſeine Gefährten das Geſicht noch mehr und hoben ihn aus dem Wagen. Zwei derſelben faßten den Mann unter die Arme und führten ihn Trepp' ab durch feuchte, niedrige und enge Gänge, wo ſich ſeine Führer dicht an ihn drängen mußten. Endlich ſtan— den ſie ſtill, die Binde fiel von den Augen, und er befand ſich in einem, von einer Ampel matt erleuchteten Gewölbe mit ſeinen Begleitern. Auf einem Tiſche ſtand ein großer ſilberner Becher voll Wein, und daneben einiges Bakwerk. Ei— ner ſeiner Begleiter verſchwand durch eine Nebenthür, während die Andern den Scharfrichter zum Ausruhen auf dem einzigen Seſſel, der ſich in dem Gemach befand, nöthigten, und ihn aufforderten, eine Stärkung zu ſich zu nehmen, be— merkend, daß nach vollzogenem Auftrage ein Mehreres erfolgen ſolle. Jezt, für ſeine eigene Sicherheit weniger bekümmert und durch die lange Fahrt tüchtig durchrüttelt, ſah er ſich genöthigt, dem dringenden Verlangen ſeines Magens Genüge zu leiſten. Während der feurige Wein ſeine Kräfte belebte und ſeine Sinne ſchärfte, hörte er in einem Nebengemache dumpfes Murmeln. Endlich öff— nete ſich die Thür, durch welche der Eine gegangen war, und dieſer trat aus derſelben, und forderte den Mann der ſtrafenden Gerechtigkeit auf, ihm mit den Andern zu folgen. In eiuem großen ſchwarz ausgeſchlagenen und hell erleuch— teten Gewölbe ſah er beim Eintreten eine größere Verſammlung vermummter Geſtalten. Gleich ſeinen Begleitern waren ſie ganz in ſchwarze Mäntel gehüllt, an den dunklen VBaretten, welche ihre Köpfe bedekten, waren ſchwarze Masken befeſtigt, und alle beobachteten ein tiefes Stillſchweigen. In der Mitte des Rau— mes erhob ſich auf dem Fußboden des Gewölbes ein kleiner Sandhügel, deſſen Beſtimmung der Mann vom blutigen Handwerke nicht verkennen konnte. Dem gegenüber auf kleinem ſchwarzbehangenem Tiſche ſtand ein Krucifix, vor demſel— ben ein Todtenkopf mit gekreuzten Knochen. Einen grellen Kontraſt bildete an der mittlern Wand eine mit Silbergeſchirr beladene Tafel, worunter ſich vor— züglich eine große bedekte Schüſſel, deren Anblik auf den Eintretenden einen befondern Eindruk machte, auszeichnete. Bald öffnete ſich eine zweite Thür, und herein trat eine impoſante, gleichfalls verhüllte Geſtalt, an deren Stiefeln gol— dene Sporen klirrten, und auf deren Ankunft die Verſammlung mit geſpannter Erwartung gehofft zu haben ſchien.„Iſt Alles fertig?“ herrſchte mit rauher Stimme dieſelbe der einem Vehmgerichte ähnlichen Verſammlung entgegen. Eine tiefe Verbeugung erfolgte, und ſelbſt auf den Scharfrichter machte die Herrſcher— geſtalt einen Eindruk, ſo daß er ſich mit den Andern verneigte.„Man gebe dem Manne ſein Schwert! Und als dies geſchehen war, wendite ſich der Unbekannte


