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derſtand geleiſtet worden war. Doch ſich ermannend, ließ er den Getreuen los, und innerlich über ſich ſelbſt lächelnd, heftete er feſtere Blike auf dieſe Sammlung der Lebensdurchſchneider ſo manchen verworrenen Fadens, den die Paärzen mit un⸗
williger Hand geſponnen haben mochten.(Fortſezung folgt.) —— Der Geburtstag des Studenten. (Beſchluß.)
Eben wanderten wir durch die hohe Gerſte, als ſich die Sonnenſcheibe am unteren Rande verdunkelte. Zugleich bemerkte ich mit Grauſen, daß im Süd⸗ weſten ein rabenſchwarzes Gewölk heraufſtieg. Wahrſcheinlich alſo ein Gewitter und eben ſo wahrſcheinlich mit ihm das prophezeihte Erdbeben.„Wer weiß, was noch folgt und ob das Beben auch ſo ganz klein iſt!“ dachte ich im Stillen, denn ich erinnerte mich gerade in dem Augenblik, einmal geleſen zu haben, daß die gewaltige Sündfluth zu Noahs Zeit bei Südweſtwind eingetreten ſei; und von daher blies eben der Wind und dort ſtand das drohende Gewitter. Nun, daß ich es kurz mache, es kam ein furchtbares Unwetter; der Wind wird zum Sturm, der Donner rollt, ein Plazregen fällt, Schloſſen ſtürzen hernieder, Bliz auf Bliz, Schlag auf Schlag, überall Sauſen, Praſſeln, und wir haben keinen Schuz als einen Regenſchirm, den ich aus Vorſicht mitgenommen, und ein Paar Korngarben, die uns nothdürftig gegen den Sturm ſchüzen. So ſtehen wir da, gleich armen Sündern am Hochgericht mit pochendem Herzen und ſchlotternden Gebeinen. Meine Zähne klappern vor Angſt wie im Fieberfroſt, denn ich ſehe mit jedem Augenblik einem Erdſtoße entgegen; Schweſter Suſanna nieſet vor Erkältung ſo ſtark und oft, daß ſie einer Ohnmacht nahe iſt. Und warum das Alles? weil Julius Höllenbrand in meinem Hauſe kommerciren will. Des halb ſchafft er den Onkel und die Tante fort und läßt ſie unter freiem Himmel drei Stunden, drei ſchrekliche Stundern voll Zittern und Zagen und Todes angſt verleben. Den gottvergeſſenen Wetter-Propheten wiegelt er auf, mich mit einem Erdbeben in's Vokshorn zu jagen, damit ich das Haus räume; und ich bin auch ſo ſchwach, in die Falle zu gehen. Fünfzehn Jubelbrüder beingt Bruder Studio mit, lügt der Wirthſchafterin vor, er habe meine Erlaubniß zur Feier ſeines Feſtes bei mir, requirirt Rheinwein und Champagner und ein feines Abendeſſen von ſechs Schüſſeln, läßt den Saal aufſchließen und jubelt mit den Genoſſen und toſet mit ihnen wie die wilde Jagd, während wir draußen im Freien unter dem Regenſchirm zähnk lappern und ich auf das vorgeſpiegelte Erdbeben mit De— linquenten-Angſt warte. Endlich kommt der Gärtnerburſche Heinrich als Bote von der Wirthſchafterin, welcher der Handel doch am Ende verdächtig vorkam; ſie meldet mir, was daheim vorgeht. Eine Stunde lang iſt aber der Bote im Felde herumgelaufen, ehe er uns aufgefunden.
Nun endlich, aber freilich etwas ſpät, wurde mir Alles klar, und meine Bangigkeit verwandelte ſich in Wuth gegen den heilloſſen Quälgeiſt. Mit beflü— gelten Schritten eile ich nach Hauſe, treibe das Gezücht aus, das eben die ſechſte Schüſſel im Angriff genommen und leſe den Neffen⸗Taugenichts den Text auf ge—⸗ waltige Weiſe; ja Bruder, es fehlte wenig, ſo hätte ich handgreiflich Vergeltung. geübt und ihm ſtatt des prophezeihten Erdbebens ein wirkliches Gliederbeben ge—⸗


