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pflegte ſorgfältig in geheimen Verſteken die Verwundeten, den lezten Biſſen mit ihnen theilend. Mancher der edlen Krieger, dem Bellona das Leben erhalten hat, kann ſeinen Namen in den Kirchenbüchern der Dörfer aufgezeichnet fin— den, da ſich faſt ein jeder Kindstaufsvater der Gegend darnach drängte, für ſei— nen Stammhalter wenigſtens, Einen aus den tapfern Schaaren zum Pathen zu wählen, damit derſelbe ſeinem Pathen den kräftigen, kriegeriſchen Geiſt als Ge— ſchenk einbinde, auf daß es dem Vaterlande auch künftig nicht an kräftigen Män— nern fehlen möge. Solch hohe Ehrfurcht ward durch die kühnen Thaten dieſer tapfern Männer in den Bewohnern der Gegend erregt.
Wilhelm, ein junger, freiwilliger Huſar und ehemaliger Muſenſohn, deſſen Pferd bei einem Scharmüzel verwundet worden war, und der von ſeinen Uni— verſitätsjahren her ſich erinnerte, daß in einem nahe gelegenen Städtchen der Beſizer der Scharfrichterei als tüchtiger Thierarzt in der ganzen Gegend bekannt war, entſchloß ſich, ſeinem getreuen Streitroſſe dort Hilfe zu ſchaffen, und er— hielt von ſeinen Vorgeſezten leicht die Erlaubniß dazu. Gleich ſeinem Namens— vetter, dem Ritter Wilhelm des Kreuzzuges, ſaß er ab und führte den getreuen Kampfgefährten am Zügel, den gezogenen Säbel in der Fauſt, um ſich des etwa kommenden Feindes zu erwähren, wenn er gleich nicht glaubte, wie Jener den Sarazenen, einen Franzmann bis auf den Sattel ſpalten zu können. So wan— derte er dem Städtchen zu, doch meldete ſich Niemand, um geſpalten zu werden, und unangefochten erreichte er die Scharfrichterei, die nahe bei der Stadt liegt. Als der junge Huſar vor dem Schönen, mit Gärten umgebenen Hauſe ſtand, trat ihm die kräftige Geſtalt des biedern und wohlhabenden Beſizers entgegen und hieß ihn willkommen. Bald war die Wunde des Gaules unterſucht, und der praktiſche Blik des Arztes überzeugte denſelben, daß die Verwundung nur einige Tage der Ruhe ſür das kranke Thier verlange.„Bringen Sie keine Vorurtheile mit, junger Herr,“ ſo ſprach der freundliche Mann,„und ſind Sie geneigt, meinen Stand zu emanzipiren, ſo biete ich Ihnen mit treuem Herzen ein freundliches Zimmer in meinem Hauſe an. Da es außerhalb der Stadt liegt, ſo können Sie im Noth— fall, wenn wir Feinde gewahren ſollten, nach allen Seiten ſchnell dem Verſtek ih— rer Kameraden zueilen.“ Gern nahm Wilhelm das Anerbieten an, da es ihm nur lieb ſein konnte, durch eigene treue Pflege die Herſtellung der leichten Verwun— dung ſeines Rappen mit befördern zu helfen. Bald hatte er es ſich in dem gaſt— freien Hauſe bequem gemacht, und mit freundlicher Bereitwilligkeit kam ihm ſein biederer Wirth in jeder Hinſicht entgegen.
Als Beide Abends vertraulich im Stübchen beiſammen ſaßen, fielen unſerm Wilhelm mehrere an der Wand hängende Schwerter ins Auge, worunter ſich vorzüglich Eins durch ſeine alterthümliche Form auszeichnete. Der plözliche An⸗ blik dieſer Waffenfammluug, deren blanke Griffe im Wiederſchein des Lichtes un— heimlich erglänzten, verbunden mit dem Gedanken an ihre furchtbare Beſtimmung, erwekten in Withelm, troz dem er ſeit neueſter Zeit faſt täglich an blutige Sze— nen gewöhnt war, und beim Anblik der kriegeriſchen Waffen ſein Herz ihm von Jugend auf freudig geſchlagen hatte, eine grauſenhafte Empfindung. Seine Hand griff unwillkürlich nach dem in der Eke neben ſeinem Seſſel lehnenden Säbel, um ſich gleichſam mit dem Bewährten gegen die furchbaren Mahner der ſtrafen— den Gerechtigkeit zu währen, deren ziſchendem Rechtsſpruch wohl noch nie Wi—


