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Ulrike. O Nante, du verſtehſt mir nich! Du haſt meine Tendenz nich bejriffen.
Nante ldie Stirn runzelnd.) Wie ſo habe ich deine Tendenz nich bejriffen?
Ubrike. Ich verlange keenen zweeten Ehemann, keenen dritten, ſon⸗ dern: alle, und doch jar keenen. Ich will Ehemannzipazion. Du follſt dir nich mehr einbilden, das ſtärkere Jeſchlecht zu ſind, und mir dir in allen gleichſtel⸗ len. Nich eher ſtehe ich auf, Nante, als bis du mir zu Aemtern und Würden läßt.
Kaſemir(bei Seite) Allah, was wird daraus werden!
Nante(noch immer ſehr ruhig.) Ich weeß ſehr wohl, was Emanzipa⸗ tion is, ich wollte dir nur uf de Zähne fühlen, ob du dir über den Jejenſtand Licht verſchafft haſt. Weh' dir, deß du es hat! Wärſt du im Düſtern darüber jeblieben, dir wäre beſſer. Steh' auf, Weib, und laß ab von dieſe Füſel— matenten.“
Ulrike(aufſtehend.) Nie! Iſt es nich jrauſam, daß wir nich mal zu de Menſchen jezählt werden? Heeßt es nich: der Menſch? Als ob gar kein die Menſch da wäre? Nich eher wird Ilükſeligkeit über das ſchöne Jeſchlecht kom— men, als wenn die Sprache uns zuſammenzieht; wenn ſie mit einem Wort ſagt: das Menſch.
Nante. Fahre ſo fort mit deine Emanzipations-Ideen, un der Titel wird dir nich lange vorbehalten bleiben.(Etwas ärgerlich.) Ik emanzepire dir nich, un wenn de dir uf'n Kopp ſtellſt!(ſanfter, mit tiefem Gefühl) Weib, Jattin, Olrike, Mutter, Schwabben! Ich, dein Jatte ſtehe draußen in de Welt an der Eke! Mein ſind die Staatsämter und Würden!(mit Innigkeit.) Deine Welt bin ik, dein Sohn, dein Knabe, dein Junge, dein Frize! Dein Reich is Lübe, dein Reich is das Quatier, dieſe Kellerwohnung, der Feuer— hörd! Bilde dir aus, ſo weit du willſt, aber jebrauche Allens zu weiter niſcht, als mir jlüklich und deinem Knaben jut zu machen.
(Er weint und geht erſchüttert ab.)
Anſichten. Urtheile. Begebniſſe.
che in einigen Monaten angefangen, u—
Mignon Zeitung
Potpourri aus Paris. In Paris geben die großen Bauten der Stadt einer beträchtlichen Menge von Arbeitern Beſchäftigung; das Hotel de Ville, zu dem 6,298,000 Franks ausge— ſezt ſind, macht ſchnelle Fortſchritte, eben ſo die Kirche von St. Vincent de Paul, welche auf 3,060,000 Franks an— geſchlagen iſt; der Plaz de la Concorde, deſſen Verſchönerung 1/600,000 Franks koſtet, wird gerade vollendet. Andere große Bauten ſind im Werk, wie die Verſchönerung der Champs elyſés, wel—
die got hiſche Kirche, welche auf dem Plaz Bellechaſſe gebaut werden ſoll. Der Plan dazu iſt von dem deutſchen Archi— tekten Gau gemacht. Er iſt ein wegen ſeiner großen Ehrlichkeit bei der Stadt ſehr beliebter Baumeiſter, da er ſeinen Anſchlag nie überſchreitet, und man er— zählt ſich, daß er bei dem Bau des Ge— fängniſſes von Laroquette, da er ſah, daß die Koſten den Anſchlag überſtiegen, den Ueberſchuß aus ſeiner Taſche bezahlt habe.— Ein von Alby mit Züchtlin⸗ gen abgegangener Wagen iſt durch das Einbrechen der neuen Drahtbrüke bei


