Jahrgang 
Band 1 (1840)
Seite
283
 
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auf ihm. Hubert befahl, ihn der Kleider zu entledigen, aber es war eine ſchwere Aufgabe das Gebot zu erfüllen, denn der Kranke gebährdete ſich wie wüthend und zerfleiſchte mit Zähnen und Nägeln die geſchäftigen Hände, die ihn zu entklei den verſuchten. Die junge Dame, die einen Anfall von Wahnſinn vermuthe te, bat den Arzt mit Thränen, den Unglüklichen zu retten.Er iſt unrett⸗ bar verloren, wenn ich verhindert bin, ihm zur Ader zu laſſen, ſagte dieſer, betrachten Sie ſein dunkelroth glühendes Geſicht mit jeder Minute iſt ein Schlagfluß zu erwarten. Da kamen, durch den Lärm aufmerkſam gemacht, drei kräftige Burſche, von den Arbeitern auf dem Theater, herbei; ſie verſuchten ihre Kräfte an dem wüthenden Kranken, und während ihn einer an beiden Schul ternfaßte, hielten die Andern die widerſtrebenden Hände. Den günſtigen Augenblik benüzte der Arzt die Lanzette zu gebrauchen, aber kein Blut floß, der rothe Strom des Lebens ſchien verſiegt zu ſein; er war eben in Begriffe einen zweiten ſtärkern Stich mit dem Inſtrumente zu appliziren, als Alfred aus ſeiner Be täubung erwachte und durch ungeheure Kraftanſtrengung den gewaltigen Fäuſten zu entkommen trachtete. Hubert hatte den Arm ffeſt gefaßt, das Hemd zerriß, der Gewalt weichend, bis er die Schulter und die drei ſchreklichen Buchſta ben werden ſichtbar!

Nun, Kouſine, war ich ein Verleumder, ein Nichtswürdiger, vor deſſen Falſchheiten jeder ordentliche Menſch ſein Ohr ſchließen ſoll? Sehen Sie hier den Wa hlſpruch Ihres Geliebten unauslöſchlich prangen! rief der Unmenſch mit Heftigkeit. Die junge Wittwe, von der plözlichen, ſchauderhaften Entdekung tief ergriffen, fiel beſinnungslos zu Voden.

Die drei Männer, welche eben ſo entſezt über das, was ſte ſahen, zurük wichen, und den halb ohnmächtigen Verbrecher los ließen, beeilten ſich, Viktorine Hilfe zu leiſten. Indeſſen hatte Alfred ſeine volle Beſinnung erlangt, ein Blik auf ſich ſelbſt und ſeinen Nebenbuhler, der höhniſch lächelnd die unglükliche Witt we betrachtete, erregte ſeine Wuth aufs Höchſte; er ſah ſich frei und unbeachtet und hatte ſich in einem Augenblik auf den Doktor geworfen, und mit der RNie ſen ſtärke eines Wahnſinnigen würgte er ihn dergeſtalt, daß derſelbe beſinnungslos wurde, und beide zu Boden fielen; die vom Arzte ihm heigebrachte Wunde er weiterte ſich durch die Anſtrengung, und das Blut floß in Strömen. Der kurze aber furchtbare Kampf hatte keinen Sieger; denn als man ſie zu trennen ver mochte, fand man nur zwei ſtarre, lebloſe Körper.

Als ich vor Kurzem die Charits beſuchte, fiel mir eine weibliche Gekkalt auf, die ſehr ordentlich gekleidet ſinnend und ruhig in einem Winkel des Saales ſaß und mit Lektüre beſchäftigt zu ſein ſchien, ohne ſich um das Getümmel der Irren, die hier ihr Weſen trieben, viel zu kümmern.

Was macht dieſe Dame hier unter den Unglüklichen; ich hoffe doch nicht, daß ſie unter ihre Zahl gehört? fragte ich meinen Begleiter, den Direktor der Anſtalt.Allerdings! ſagte derſelbe.Es iſt unmöglich! Sehen Sie doch nur, wie ruhig ſie lieſt; es iſt ein Drama von Alexander Dumas, das ihre Aufmerkſamkeit feſſelt.Ganz recht, wenn man ſie ſo betrachtet, ſcheint. ſie keineswegs der Geſellſchaft, die ſich hier im Salon herumtreibt, anzugehö ren, und dennoch ſind drei armſelige Buchſtaben im Stande ſie dergeſtalt raſend zu machen, daß ich ſie muß ſchließen laſſen.Mein Herr, es iſt mir unmög