Jahrgang 
Band 1 (1840)
Seite
267
 
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207 keine Delikateſe und keine Rükſichten, flüſterte die ſchöne Wittwe erſchroken dem Raſenden zu, entzog ihn den Augen der Verſammlung und drükte ihn im Hintergrunde der Loge auf einen Stuhl nieder.

Alfred ſchien aus einem ſchweren Traum zu erwachen, er faßte die Alaba ſterhand ſeiner beſorgten Freundin, drükte ſie zärtlich an ſeine brennenden Lip pen und ſagte im flehenden Tone:Verzeihung, meine geliebte Viktorine, Ver zeihung! ich fühle, daß ich ſtrafbar bin, daß ich mich von meinen Gefühlen hin reißen laſſe, ohne Ort und Umſtände zu berükſichtigen; aber die Gefahr, dich zu verlieren, dich, die ich mit einer Leidenſchaft liebe, welche keine Feder zu beſchreiben vermag, dich mein Alles! eher ſterben, als daß ſie dich meinen Armen entreiſſen ſollen! Heftig ſchluchzend warf ſich der aufgeregte, junge Mann in die Arme Viktorinens, und umfaßte ſie mit konvulſiviſcher Bewegung, als ſollte ſie wirklich in dieſem Augenblike ſeinen Armen entriſſen werden. Die junge Schöne warf verlegen einen Blik auf die Umgebung, aber die Unruhe, welche im Parterre herrſchte, war ſo groß, daß Niemand die exaltirten Ausru fungen Alfreds vernahm; ſie legte ihre weiße Hand auf ſeine fieberhaft glühen⸗ de Stirne, ſtrich ihm ſanft die wild herabhangenden Lokenhaare aus den Augen und ſagte dann mit einſchmeichelnder Stimme:Alfred, geben Die doch ihre Ruhe nicht ſolchen nichtsſagenden Gedanken und Vorſtellungen preis, die ſie aus der Luft greifen, blos um ſich ſelbſt zu quälen; Sie ſind von der Wahrheit meiner Liebe für Sie überzeugt, und ich ſchwöre Ihnen, daß weder Huberts Be mühungen, noch ſeine Lügen je etwas über mich vermögen werden!Hubert,

und immer Hubert! dieſer verhaßte Name aus dieſem Engelsmunde! o,

ich werde wahnſinnig werden! Warum habe ich ahn nicht erwürgt, als das Schikſal ihn in meine Hand gab! murmelte er zwifchen den Zähnen; doch ver legen brach er ab, es ſchien als fürchtete er etwas geſagt zu haben, was er be ſ⸗ ſer hätte verſchweigen ſollen; aber die Wittwe hatte mit dem den Frauen eige nen Scharfſinne errathen, was er ängſtlich zu verbergen ſuchte.Alfred! ſagte ſie mit verweiſendem Tone,ich weiß, was Sie mir zu verſchweigen ſu⸗ chen; Sie hatten mit meinem Kouſin ein Duell, und Sie waren es, der for derte! es iſt abſcheulich, daß Sie vergeſſen konnten, daß er zur Familie der jenigen gehört, die Sie lieben!Ich habe es nicht vergeſſen, Viktorine, ohne dieſes Verhältniß hätte meine Kugel ſeinen Namen aus der Liſte der Le benden gelöſcht; ſein Leben lag in meiner Hand, warum zögerte ich es zu neh men, da ich von ihm Beleidigungen erfuhr, die nur' durch Blut getilgt werden konnten! und doch lebt er noch! Als ſeine Kugel hart an meinem Ohre vorbeipfiff, und ich mit feſter Hand auf ihn anſchlug, da dachte ich an dich, theure Geliebte, ich ſchoß einen Zweig von einem Baume, der zehn Schritt hinter ihm ſtand, und ging davon; forderſt du einen ſtärkern Beweis meiner Liebe, Vikto⸗

rine, ſagte er mit weicher, rührender Stimme. Die Dame zerfloß in Thrã⸗ nen.O mein Alfred, liepette ſie und ſank in ſeine Arme; der junge

Mann drükte ſie heftig an ſein pochendes Herz.

Ein Schlag an die Logenthüre brachte das Liebespaar wieder zur Beſin nung. Alfred fuhr empor und erblikte am Fenſter, von welchem unvorſichtiger weiſe der Vorhang zurükgeſchlagen war, das fatale Geſicht des Doktors, welcher das Schauſpiel für Götter mit höhniſchem Lächeln beobachtete. Der junge Mann konnte fich eines unwillkürlichen Schauers nicht erwehren, als er unver