Jahrgang 
Band 1 (1840)
Seite
266
 
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Alfred, der endlich einſah, daß er zu weit gegangen ſei, ſuchte nun ein zulenken:Theure Viktorine! ſagte er,Vergebung, aber ich muß den Men- ſchen beneiden, der durch ſeine Verwandtſchaft das Recht zu haben glaubt, Ih nen wie ein Schatten zu folgen.Aber wer wird auch auf einen Schatten eiferſüchtig ſein! rief lachend die Dame, dem Geſpräche eine heitere Seite ab zugewinnen;es wäre Ihnen gewiß viel angenehmer geweſen, wenn ich da ſchon keine Aya an meiner Seite ging, ganz ohne Begleitung eingetreten wäre; Sie glauben eine Wittwe wenn ſie auch erſt tauſend Wochen zählt dürfe Alles wagen; denn der Name: Wittwe, iſt ſchon eine Freikarte, ſich gegen Sitte und Gebrauch in der Welt zu bewegen; doch allein nach à la Porte St. Mar- tin zu kommen, würde ſelbſt eine Matrone ſich beſinnen.

Der Tumult, der im ſelben Augenblike unter dem Publikum entſtand, die rohen Späße, die in den obern Regionen laut wurden, und die tüchtigen Fäuſte, die auf den Bänken trommelten, gaben den beſten Komentar zu den Worten Viktorinens.Wahrhaftig! ſagte der junge Mann,dieſes Publikum iſt viel ungezogener als die Raubthiere, denen es ſeinen Beſuch zu machen gekom men iſt, das allein würde mir die Bühne verleiden, wenn ich nicht ſchon aus Grundſaz ein Feind des Theaters wäre; nur das Vergnügen, ſich mit Ihnen hier ungeſtörter unterhalten zu können, hat meinen Widerwillen in etwas be⸗ ſiegt.Und dennoch, mein theurer Freund, werden Sie künftig noch oft in den Fall kommen, Ihre Abneigung bekämpfen zu müſſen, denn ich liebe das Schauſpiel leidenſchaftlich, und hoffe, daß Sie als guter Gatte die kleinen Wün ſche Ihrer liebenden Frau gerne erfüllen werden.

Alfred verneigte ſich ſtumm.Ich kenne nun, fuhr die reizende Witt we fort,keinen ſchöneren Zeitvertreib, als hier erwartungsvoll vor dem geheim nißvollen Vorhang zu ſizen, und von den wunderbaren Geſtalten und den aben theuerlichen Begebenheiten zu träumen, womit uns der Dichter beſchenken wird; wie ein frommes Kind mit gläubigem Vertrauen den lieblichen Sagen horcht, die von den freundlichen Lippen der guten Mutter fließen.Nun, wohlan denn, Viktorine! ich werde mich bemühen, alle Ihre Wünſche, Ihre Launen welche ſchöne Frau hatte deren nicht? Ihre Befehle, kurz jede leiſe Re gung Ihres Augenwinkes zu beachten und zu erfüllen. Sie werden mich lehren mit der Zeit Alles, was ich haſſe, zu lieben!Hubert, z. B. 2 fiel ihm die Geliebte ſüß ſchmeichelnd in die Rede, und dabei ergriff ſie ſeine Hand, wel che zitterte, und ſah ihm mit ſeelenvollem Blike ins Auge. Schnell zog er ſeine Hand zurük, ſeine Stirne umwölkte ſich, und ſein ganzer Körper ſchien zu beben:Viktorine! ſagte er mit leiſem aber zornigem Tone,bei unſerer Liebe beſchwör' ich Sie, erwähnen Ste dieſen Namen nicht wieder! Dieſer Menſch iſt mein ewiger Todfeind, welcher mir das Theuerſte, was ich beſize, zu rauben verſucht, und hiezu die ſchändlichſten Mittel verwendet. Er iſt ein Elender! ein Frecher! jedes Wort wird in ſeinem Worte zur Lüge! Sei ner Kouliſſenliebeleien müde, hat er nun ſeine lüſternen Augen auf Sie gewor fen, und Ihr Herz zum Zielpunkte ſeiner unwürdigen Herrſchaft gemacht; ja mögen Sie es wiſſen, Viktorine, ich haffe ihn, und werde ihn mit dieſen Hän den erwürgen!Um des Himmels Willen, mäßigen Sie Ihre Stimme, be denten Sie, daß wir unſer Geſpräch vor tauſend Zeugen führen! Man fängt an aufmerkſam auf uns zu werden, und das Publikum der Porte St. Martin kennt