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mäſſe. Zeitig in der Früh war ich durch den ſchnellen Lauf eines Pferdes unter meinem Fenſter erwekt, ich ſprang aus dem Bette und erblikte das Lieblings- pferd meines Freundes an der Thüre ſtehen, mit einem Blik überſah ich ſeinen unordentlichen Zuſtand; es mußte den Reiter abgeworfen haben, und war, da es täglich dieſen Weg gemacht, aus Gewohnheit an mein Quartier gekommen. Eine fürchterliche Ahnung überfiel mich— in wahnſinniger Eile berief ich Leute, ſchwang mich auf das Pferd und jagte einem fürchterlichen Anblik entgegen.— Der Graf ward todt und zer ſchmettert auf der Straße gefunden, gerade unter der verhängnißvollen Eiche.— Erlaßt mir meine Freunde,“ ſprach der Rittmei— ſter, tiefbewegt,„die Schilderung des Jammers der unglüklichen Eltern und meines Schmer zes. Viele Jahre ſind vergangen, aber noch immer machte es mich trau— rig, wenn ich an den ſchreklichen Tod meines Freundes denke, der mich noch ein— mal ſehen wollte, und ſeinen Tod fand.“ Agnes.
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Dall des Herrn Thorn in Paris.
Einer der brillanteſten Maskenbälle dieſer Saiſon, der wahre Ball par excellence, war der, welchen Herr Thorn, ein reicher, in Paris lebender Ame— rikaner gegeben. Die Pariſer höhere Geſellſchaft war von dem Augenblike, wo es hieß, bei dem reichen Sohne eines andern Welttheils werde Maskenball ſein, in einer wahren Aufregung. Nun iſt es aber bekannt, daß Herr Thorn ſeine Gäſte nur aus dem Faubourg St.-Germain wählt, und nur leiſe an den Fau— bourg St.-Honnoré ſtreift, daher viel Exkluſionen und viel bittere Klagen. Aber Herr Thorn antwortete, ſeine Salons ſeien nicht elaſtiſch, und er könne nicht ganz Paris an demſeben Tage in ſeinen Gemächern tanzen laſſen. Außerdem gab es noch Schwierigkeiten. Einige weigerten ſich, ihre Glieder in einen Masken⸗ anzug zu ſteken; und es ward nöthig, ein förmliches Dekret aufzuſezen, des Inhalts: wer nicht maskirt ſei, müſſe in Phantaſteuniform erſcheinen, wie beim Könige(wörtlich). Es war ferner die Rede davon, die Phantaſieuniformen muß— ten mindeſtens mit einer falſchen Naſe erſcheinen; doch ward ihnen die Naſe ſpä⸗ ter erlaſſen.
Endlich erſchien der große Tag, man lief zu VBabin, zum Conſtumier der großen Oper, Quadrillen wurden eingeübt, Züge geordnet, Menuetts geübt; ober— ſter Leiter all dieſer Anſtalten war Graf Rudolph Apponpi, der ſeiner Charge als einſtimmig gewählter Balletmeiſter hohe Ehre machte. Es wäre eine ſchwie— rige Aufgabe, alle die reichen Koſtume zu ſchildern, die bei dieſem Feſte glänz⸗ ten, den Werth der Diamanten ſchäzen zu wollen, die im Strahl von tauſend Wachskerzen erglänzten. Angeben wollen, wie viel Koketterie wirkungslos ver⸗ ſchwendet wurde, wie viel Lächerlichkeit ſich neben Liebenswürdigkeit breit machte, wäre auch nicht minder mühſam, als alle Koſtume beſchreiben wollen, die ſich durch prächtige oder geſchmakvolle Auswahl, oder durch Geiſt und Laune aus— zeichneten. Nur einige der Masken, die ungetheilte Aufmerkſamkeit hervorrie— ſen, mögen erwähnt werden. Man weiß, die Gräfin Samoloff iſt ſehr in der Mode. Am Tage fährt ſie in einer mit ruſſiſchen Pferden beſpannten Karoſſe umher, ihre Dienerſchaft trägt Livreen vom blendendſten Roth, und es vergeht kein Abend, wo ſie nicht in Geſellſchaft irgend eine Sonderbarkeit mitbringt, die


