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ſo glüklichen Wohnung; um Mittag zog die kleine Schaar hier bei dem Staͤdt— chen vorbei und lagerte auf der Straße. Die Gutsfrau kam im glänzenden Wa— gen, von ſtolzen Roſſen gezogen, von einer Spazirfahrt zurük— die Unſern wollten von ihr Schuz und Gnade erbitten, und ſtanden auf dem Wege, ſie er— wartend. Aber, war wohl jemals der Mächtige und Reiche zu Mitleid bewo— gen?— Vergebens war Bitten und Flehn, dicht gedrängt umſtand das unglük— liche Volk den Wagen— ſie rief:„Kutſcher fahr zu“— er hieb in die Pfer— de— der Wagen flog hin— und drei Kinder der Zigeuner waren todt und zer— ſchmettert! Vor Schmerz und Verzweiflung beinahe wahnſinnig ſtürzte die unglükliche Mutter nach, fiel den Pferden in den Zügel und rief:„Ich laſſe dir den Fluch der Verzweiflung, du böſes, ſtolzes Weib, nie werden deine Kinder in dem Pallaſte wohnen, den deine Prunkſucht dich erbauen hieß— und der Lezte deines Hauſes wird dort den Tod finden, wo meine armen Kinder ihn fanden. Dieſe alte Eiche, die Zeugin deiner Grauſamkeit, mache ich zur Rich⸗ terin deines Geſchlechts— wenn ſie welkt, und noch ehe ſie verdorrt, wird der Lezte deines Geſchlechts zu Grunde gehen! Ich verfluche dich und dein Haus und übergebe dich den böſen Mächten.“ Die Zigeunerin ſprach die lezten Worte mit furchtbar drohender Stimme, wendete ſich zu mir und ſagte:„Der Fluch wird in Erfüllung gehen, ſieh' die Eiche, ſie grünt nur ein wenig— der Lezte iſt ſeiner lezten Stunde nahe— die Rache naht!“
Mit ſtolzen Schritten ging die Sybille den Berg hinab, ich folgte ihr, verlor ſie aber bei einer Krümmung des Weges aus dem Geſichte. Meine Nach— forſchungen in der Umgegend nach ihr blieben fruchtlos. Niemand wollte ſie ge— ſehen haben. Nach und nach verlor ſich der Eindruk ihrer Worte, und ich war geneigt, ſie für wahnſinniges Geſchwäz zu halten.
Der beſonders ſchöne Herbſt hatte den Grafen und ſeine Familie, aufs Land hinausgelokt, ſie wohnten eine halbe Stunde von meiner Station ent⸗ fernt. Ich war ein täglicher, immer willkommener Gaſt im Hauſe; es war eine ſehr liebenswürdige Familie, beſonders der einzige Sohn, ein ſchöner, blühender Jüngling, voll Feuer und Leben, von ausgezeichneter Herzensgüte. Er ſchloß ſich herzlich an mich an, wir ritten und fuhren mit einander, und waren die beſten Freunde. Oft gedachte ich der Worte der Zigeunerin, und bangte um mei⸗ nen ſchönen, jungen Freund, dann aber hielt ich es für kindiſch, durch ein wahn— ſinniges altes Weib ſich erſchreken zu laſſen, und unterdrükte meine Angſt.— Die ſchönen Tage ihres Aufenthaltes naheten ihrem Ende, den lezten Tag brachte ich noch ganz bei meinen Freunden zu, wir nahmen Abſchied und mach— ten die ſchönſten Pläne für den kommenden Winter, den ich auch in der Reſidenz zubringen ſollte.
Spät am Abend ritt ich allein nach Hauſe; die Straße führte unter dem Berge, wo die verhängnißvolle Eiche ſtand, ich blikte hin, der Mond war im erſten Viertel und beleuchtete nur ſchwach und undeutlich die Gegenſtände umher. Der Baum warf einen langen, finſtern Schatten und finſter gähnte der alte Steinbruch, wie ein offenes Grab— es ſchien meinen aufgeregten Sinnen, als ob eine weiße Geſtalt am Fuße der Eiche ſtehe— mir ward ſo ängſtlich, ſo be— klommen, ich ſpornte mein Pferd und eilte nach Hauſe. Hier ſchämte ich mich meiner kindiſchen Furcht und war bald beruhigt bei dem Gedanken, daß morgen meine Freunde abreiſten, und der Graf wenigſtens jezt ſeinem Schik ſal entgehen


