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einzige Erbe und der Einzige und Lezte ſeines Stammes war.— Die reizende Lage des Städchens und der Mangel an Geſellſchaft jeder Art, machten mich zum fleißigen Spazirgänger und Naturfreund. Veſonders liebte ich es, am frü— hen Morgen, wenn noch Nebel die Erde dekten, einen Berg zu erſteigen; es machte mir beſonderes Vergnügen, anzuſehen, wenn die Sonne die Nebel zer— theilte und ſo hell und glänzend die ſchöne Gegend beleuchtete. Das Ziel dieſer Morgenwanderungen war gewöhnlich ein hoher mit Buſchwerk bedekter Verg, darauf ein alter Steinbruch und an deſſen Nande eine einzeln ſtehende, uralte Eiche, die ſchon beinahe ganz ausgetroknet war und nur noch wenige grüne Zweigchen trieb. Unter dieſer Eiche war mein Lieblingsplaz.— Eines Morgens war ich wieder hinaufgeſtiegen und ergözte mich an der Erwartung meines Lieb— lingsſchauſpiels. Es war im September, der Nebel war dicht, und ich erwar— tete die Sonne, die den Vorhang wegziehen ſollte vor dem ſchönen Bilde zu meinen Füßen. Ich lehnte an dem Stamm der Eiche und war in Träumereien ſo verſunken, daß ich zuſammenſchrak, als ich meine Schulter von einer ſchweren Hand berührt fühlte. Ich blikte auf und neben mir ſtand, wie ein dem Grabe entſtiegener Geiſt, ein Weib von hohem Wuchſe, alt an Jahren, aber nicht ge— beugt durch ihre Laſt. Die bleichen Wangen, die feine gebogene Naſe, die ſchwar— zen glänzenden Augen, die braune Farbe und die bunte phantaſtiſche Kleidung bezeichneten ſie als eine Tochter jenes fremden, heimathloſen, überall verſtoßenen Volkes. Sie ſtrekte die Hand über die zu unſern Füßen liegend Landſchaft aus und rief:„Dies Alles, ſo weit das Auge reicht, gehört einem Herrn, er iſt reich und mächtig— aber die Stunde iſt nahe, wo er ärmer ſein wird, als der geringſte Taglöhner.“— Sie ſchwieg einen Augenblik, richtete ſich ſtolz in die Höhe, ihre durchdringenden, brennenden Augen funkelten in unheimlichem Glanze, als ſie fortfuhr:„Ja, die Stunde iſt nahe— der Fluch der Zigeunerin muß erfüllt werden— meine alten Augen werden es ſehen, wie Jugend, Kraft und Schönheit bricht und ein verfluchtes Geſchlecht das Unglük ereilt!“— Die plöz⸗ liche Erſcheinung dieſes Weibes, ihre Haltung, ihre Worte und Drohungen im— ponirten mir ſo, daß ich geneigt war, ſie für ein überirrdiſches Weſen zu hal— ten. Ich war ihr früher nie begegnet, auch nicht einem von ihrem Volke, und war ſo überraſcht von ihrem Erſcheinen, daß ich kein Wort hervorbringen konnte. Sie ſchien meine Verwunderung nicht zu bemerken und fuhr fort, mehr für ſich redend, als ihre Rede an mich richtend:„Aber warum waren ſie ſo hart gegen die armen Zigeuner? Dort am Walde ſtanden die Hütten der Unſri⸗ gen— als noch gute Herren hier wohnten. Unglük verfolgte den guten Herrn, er mußte ſeiner Väter Erbe verlaſſen— und ein ſtolzes, hochmüthiges Geſchlecht kam in ſein Haus. Die armen Zigeuner, die früher immer einen warmen Biſ— ſen in der Küche fanden und wie Hausgenoſſene im Herrenhaus aus- und ein— gingen, glaubten, es wäre noch ſo, und gingen und kamen, wie früher ins Haus. Aber es war Alles anders; für den armen Zigeuner war kein Plaz, kein Biſſen, kein erquikender Trank! Da mieden ſie die ungaſtliche Wohnung; aber, als bald darauf der Befehl an ſie erging, bei dem Bau eines neuen Palla ſtes zu helfen, und die Unſrigen ſich deſſen weigerten, ward ihnen befohlen, die Wohnung ihrer Väter zu verlaſſen. Als ſie des Befehls nicht achteten, wurden ſie eines Morgens mit Gewalt vertrieben, ihr Geräthe und ihre Kinder hinausgewor— ſen und die Hütten niedergeriſſen. Weinend und klagend zogen ſie aus ihrer, früher


