Jahrgang 
Band 1 (1840)
Seite
219
 
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drillen werden angetreten, und alles das wiederholt ſich drei- bis viermal. Endlich. ſoll eine Abwechslung erfolgen; Geflüſter läuft durch die Zimmer, es wird um Ruhe gebeten, huſch-uſch⸗ſch! Eine Dame rüſtet ſich zum Singen. Bei dieſer Nachricht räumt der Pianiſt ſeinen Plaz und verſchwindet, wohin, mögen die Götter wiſſen; genug, er verſchwindet und mit ihm das Notenbuch, auch die Weinflaſche und das Glas, die bisher unter'm Inſtrumente geſtanden. The young lady chat sings ſezt ſich an's Piano. Sie präludirt, allgemeines Schweigen; plözlich verſtummt ihr Spiel, ſie ſteht auf: der Stuhl iſt zu niedrig, ſie wünſcht ihn höher geſchraubt. Alle zunächſt ſtehenden Herren legen Hand an, ſchrauben den Stuhl erſt niedriger, dann höher, und es vergehen mehrere Minutem, ehe die rechte Höhe getroffen iſt. Jezt nimmt die Dame den Stuhl wieder ein, durchläuft die Taſten, verliert ſich in einem Vorſpiel, bricht kurz ab, erſucht einen Herrn, ihr die Blätter umzuwenden, und läßt ein Come per me sereno oder eine andere der hundert und zehn italieniſchen Weiſen erklingen, die, auf das Verſchiedenſte ausgeſprochen und intonirt, die Runde durch alle Abendgeſell ſchaften machen. Der Geſang iſt geendet; Schmeichelworte ſtrömen herbei, un ſchmeichelhafte Urtheile werden geflüſtert. Nach einer kurzen Pauſe ſagt die Wir tyin zu jedem Herrn, an welchem ſie auf ihrem Gange durch die Zimmer vor überſtreiſt: will vou take your partner for the waltz? wollen Sie für den Walzer engagiren? Wer nur einigermaßen zu walzen verſteht, gehorſamt; die Paare ſtellen ſich auf, der Pianiſt ſizt am Piano, Niemand weiß, wie er da hin gekommen; er ſpielt Roſa oder Philomele; aber in keinem Tanze gönnen die Herren ſo willig den Vortritt als im Walzer.).

So wechſeln Quadrillen, Geſang und Walzer, bis ein Diener das Nacht eſſen ankündigt, Herren und Damen ſich den Arm reichen und die ganze Geſell ſchaft die Treppe hinab in's Speiſezimmer geht. Nur für die Damen iſt Plaz zum Sizen; die Herren ſtehen hinter den Stühlen. Anfangs hinkt das Geſpräch den Schüſſeln nach; bald wird die Unterhaltung lebhaft, der Gedankensaustauſch ſchneller, die Geſellſchaft faſt luſtig. Die jungen Damen wagen zu lächeln, zer reißen franzöſiſche Knallbonbons, keſen die Deviſen und erröthen, zerknittern die Papierſtreifen, werfen ſie aber nicht weg. Die jungen Herren trinken viel Wein mit beſagten jungen Damen 5), die wenig trinken, wiſpern Artigkeiten und ſonſt willkommene Dinge, engagiren ſich für den ſpaniſchen Tanz nach Ti ſche, werfen Blike und fangen an zu begreifen, daß es ein recht angenehmer Abend iſt. Nach Tiſche bewegt ſich Alles viel leichter; die Steifſten ſind biegſam, die Förmlichſten umgänglich, und der heiterſte Theil des Abends iſt im Begriff zu kommen, wenn die Geſellſchaft aufbricht.

) Noch vor wenigen Jahren war Walzen in England ein Gräuel. Seit es auf den Hofbällen eingeführt worden, wird es nicht länger verabſcheut. Doch unterſagen viele Väter es ihren Töchtern, und die Tänzer von ſonſt haben es meiſt noch nicht gelernt.

*) Der bekannte Gebrauch, eine Dame nach erhaltener Erlaubniß anzuniken und zugleich mit ihr das Weinglas zum Munde zu führen.

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