Jahrgang 
Band 1 (1840)
Seite
218
 
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dem Speiſezimmer nach dem Hofe gelegene Gemach betitelt, bei dem daſelbſt ſte erwartenden Thee und Kaffe länger oder kürzer verweilen, kürzt oder verlän gert ſich die Pauſe des Schweigens zwiſchen Mutter und Töchtern. Endlich kommt's die Treppe herauf; die Thüre wird geöffnet, ein Diener ruft die Na⸗ men der Eintretenden, man lächelt ſich an, man ſchüttelt ſich flüchtig die Hand, man entſchuldigt das Mitbringen eines nicht eingeladenen Freundes, und die Geſellſchaft hat angefangen, ſich zu verſammeln.

Sobald die Frau vom Hauſe*) die Ueberzeugung gewonnen, daß unter den Anweſenden eine hinlängliche Zahl von Tanzpaaren iſt, bittet ſie wieder holt, daß man zu einer Quadrille antreten möchte. Gleichzeitig befiehlt ſie einem Diener, den Herrn heraufzuſchiken, der am Piano präſidiren ſoll. Nicht lange, ſo ſchlängelt ſich, Demuth im Blike und ein oblonges Notenbuch unter'm Arme, ein ſchmächtiger Mann durch das Zimmer dem Piano zu, und ſinkt inſtinktmä⸗ ßig, aber unhörbar, auf den für ihn hingeſtellten Drehſtuhl. Jezt erfolgen die Vorſtellungen; die Herren verbeugen ſich, die Damen knikſen, die neuen Be⸗ kanntſchaften ſtehen neben einander Die Frau vom Hauſe telegraphirt dem Pia⸗ niſten, und im Moment ertönt les Echos, la téte de Bronze, la Reine Victo- ria, oder irgend ein der jüngſten Oper abgeborzter Tanz. Le Pantalon beginnt und wird mit geziemender Feierlichkeit begangen; ehe aber die Seitenpaare ſich an die zweite Tour wagen, herrſcht große Konfuſion: Niemand weiß, wer an⸗ fangen ſoll, während der erſten zwei Takte ſteht Alles ſtill, beim dritten ſezt ſich Alles in Bewegung. Nach allſeitigen Schwanken und vielen entſchuldigenden, zurükweiſenden, zufriedenſtellenden Verbeugungen tritt eine Art Ordnung ein. La Poule läuft ganz gut ab; es wäre denn, daß ein Paar auf dem veralteten dos-A-dos beſteht und das Paar gegenüber dos-à-dos verweigert, wo es natürlich ahne komiſche Anſtöße nicht abgeht. Demnächſt le Pastoral, dieſes fürchterlich herausfordernde Handſchuhhinwerfen, das auch einen menſchlich fühlenden Tanz meiſter vermocht hat, zum Wohle der Schüchternen und Furchtſamen la Tremise zu erfinden. Wie ſchwer wird es Vielen und wie dumm ſehen mehrere aus, wenn ſie ganz allein zweimal vor- und zweimal rükwärts gehen, wie froh ſind die Meiſten, wenn tour à quatre einfällt! Shenſtone wollte den weiblichen Charakter aus der Handſchrift erkennen; ich glaube, es müßte leichter ſein, den männlichen Charakter nach dem Benehmen im Paſtoral zu beſtimmen. Der Muthige ſezt mit eherner Stirn an, nicht anders, als halte er vor dem Spiegel Tanzübung. Der Eitle läßt während ſeines Pas eine Hand ſchlaff nieder hängen, die andere mit der Bruſtkette ſpielen. Der Schüchterne ſucht ſeine Aufgabe dadurch zu be⸗ wältigen, daß er entweder irgend etwas Unſichtbares zwiſchen den Fenſtergardi nen fixirt oder über irgend etwas lächelt, wovon er ſelbſt nicht weiß, was es iſt. Das Finale macht den allſeitigen Anſtrengungen ein Ende; man verbeugt ſich, man knikſt, man bietet den Arm, man nimmt ihn, man geht paarweiſe hinter einander her, wie die Bauern in der Somnambula, und die Herren ſezen ihre Damen auf der nämlichen Stelle ab, wo ſie dieſelben in Empfang genommen.

Inzwiſchen hat der Thürklopfer nicht geruht; mehr und mehr Geſellſchaft kommt, die Zimmer ſind übervoll, neue Vorſtellungen finden ſtatt, neue Qua⸗

) Der Herr vom Hauſe überläßt das Anordnen der Vergnügungen, die Un⸗ terhaltung der Gäſte ſeiner Frau, oder in deren Ermanglung der die Honneurs machenden Dame.