Jahrgang 
Band 1 (1840)
Seite
211
 
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Der Andere behauptete das Gegentheil und ſprach alſo:In ber That, die Schöne liebt dein Eigenthum mehr als dich ſelbſt; das kann man daraus er ſehen, weil ſie den Kranz genommen hat; aber daß ſie mich mehr, als was ich beſize, liebt, iſt bewieſen, da ſie mir ihren Kranz geſchenkt hat, und es iſt nicht ein abfertigender Lohn, wie du ſagſt, ſondern vielmehr ein Beginnen der Freund ſchaft und Liebe. Das Geſchenk macht den, der empfängt, dem Geber unterthan, deshalb hat ſie, die meiner Zuneigung vielleicht noch ungetbiß war, durch ein Geſchenk mich an ihre Herrſchaft feſſeln wollen, wenn ich ſelber noch nicht ganz ergeben wäre aber du wie kannſt du dir einbilden, daß ſie, die anfangs dir nimmt, jemals dir ſchenken werde?

In ſolcher Wechſelrede ſtritten ſie lange, und gingen endlich auseinander ohne Entſcheidung.Nun frage ich, große Königin! wenn Ihr berufen würdet, den Urtheilsſpruch in dieſer Streit ache zu thun, welchen würdet Ihr wohl aus ſprechen? Die Augen der ſchönen Königin glänzten von himmliſchem Lich te, als ſie lächelnd ſich zu Filocopo wandte, und nach einem leiſen Seuf zer alſo entgegnete:Edler Jüngling! Eure Frage iſt anmuthig, und ge⸗ wiß hat ſowohl die Schöne ſich weiſe betragen, als jeder der Jünglinge ſeine Sache wohl vertheidigte; aber weil ihr fordert, daß wir ſagen, welcher endliche Ausſpruch hier geſchehen ſolle, ſo wollen wir Euch antworten. Uns ſcheint es, daß das Fräulein den Einen liebte und den Andern nicht abhold war; um je⸗ doch ihre Geſinnungen beſſer zu verhehlen, beging ſie zwei verſchiedene Handlun⸗ gen nicht ohne ſinnigen Grund, damit ſie die Liebe deſſen, dem ihr Herz gewo⸗ gen war, noch gewiſſer erwerbe, und jene des Andern nicht verliere, und ſolches war gewißlich weiſe gethan; aber, um auf unſere Frage zu kommen, die da war: welchem vom Beiden das Fräulein mehr Liebe bewieſen? ſo ſagen wir: daß derjenige, welchem ſie ihren Kranz geſchenkt, mehr von ihr geliebt werde, und folgendes ſcheint davon die Urſache: Jeder Menſch Mann oder Frau liebt eine Perſon, und wird durch die Kraft dieſer Liebe bewogen, ſich dem Ge genſtand ſolchen Gefühls ganz zu ergeben, daß er vor allen andern ihn zu ge⸗ winnen wünſcht, und nicht Gefallen noch Dienſte verſäumt, um ſich ſolchen zu ver⸗ binden. Dieſes iſt ohne Zweifel; aber wir ſehen, daß, wer liebt, ſich auf ver⸗ ſchiedene Weiſe bemüht, ſich das geliebte Weſen gewogen und gütig zu machen, damit es ſeinen Wünſchen geneigt werde, und er ſein Begehren kühnlich aus ſprechen dürfe; darum liebte die Jungfrau denjenigen mehr, dem ſie ſich ver bündlich zu machen ſuchte, und wir thun den Ausſpruch, daß der, welcher den Kranz erhielt, der Geliebtere ſeters

Als die Königin zu ſprechen aufgehört hatte, erwiderte Filocopo:O weiſe Königin! gar lobenswerth und ſinnreich iſt Eure Antwort, doch nicht uneige⸗ ſchränkte Bewunderung kann ich Eurer Rede zollen, weil von dem, was Ihr über dieſe Streit frage ausgeſprochen, ich wohl verſichern wollte, das Gegent heil zu behaupten, weil es unter den Liebenden eine alte Gewohnheit iſt, zu begeh⸗ ren, irgend ein Ding an ſich zu haben, welches zur Freifde des geliebten Ge⸗ genſtandes gehört, und ſſch deſſen oft mehr, als alles Uebrigen zu rühmen, ja, ſelbes an ſich fühlend, in der Seele erfreut zu ſein. Wie Ihr gehört haben wer det, ſo ging Paris ſelten oder niemals in die wilde Feldſchlacht, ohne ein Lie⸗ beszeichen, das ihm ſeine ſchöne Helena geſchenkt hatte, an ſich zu tragen, und glaubte mit ſolchem viel würdiger und tapferer als ohne daſſelbe zu ſein, und