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nach meinem Bedünken war ſeine Meinung nicht eitel, weshalb ich auch glaube — wie ihr ſelbſt ſagtet— daß die Jungfrau ſehr weiſe gehandelt habe, doch urtheilt ſie wohl nicht alſo, wie Ihr meintet, ſondern alſo: Das Fräulein er⸗ kannte, daß ſie von beiden Jünglingen ſehr ſtark geliebt werde, und doch nur Einen wieder lieben könne, weil die Liebe ein unheilbares Ding iſt: ſo wollte ſie a ſo den Einen für die Liebe, ſo er zu ihr trug, belohnen, damit ſeine Neigung nicht ohne Dank bliebe, und gab ihm zur Erkenntlichkeit ihren Blumenkranz z dem Andern aber, den ſie liebte, wollte ſie Muth und Hoffnung in ſeiner Liebe verleihen, indem ſie ſeinen Kranz nahm und ſich ſelbſt auf das Haupt ſezte, und eben deshalb glaube ich, daß ſie den mehr liebte, von dem ſie nahm, als jenen, den ſie beſchenkte.“
Hierauf antwortete die liebenswürdige Herrin:„Gar ſehr würde uns Eure Behauptung gefallen, wenn Ihr nicht ſelbſt im Verlauf Eurer Rede ſelbe wi⸗ derlegt hättet. Bedenket wohl, wie eine vollkommene Liebe ſich immer mit dem Raube verträgt, und wie könntet Ihr wohl beweiſen, daß wir den, welchen wir berauben, mehr lieben, als denjenigen, welchen wir beſchenken? da es doch ohne Zweifel iſt, daß ein Geſchenk das ſicherſte Zeichen der Liebe iſt. Was die aufgege— bene Frage betrifft, ſo kann, was wir ſehen, hinreichen, denn man ſagt doch gewöhnlich, daß diejenigen von den großen Herren mehr geliebt werden, welche von ihnen Gunſt und Geſchenke erhalten, als jene, ſo deren beraubt ſind; da⸗ her faſſen wir den endlichen Beſchluß: daß der mehr geliebt worden, welcher beſchenkt, als jener, von dem der Kranz genommen worden. Wir erkennen wohl, daß gegen unſere Behauptung Vieles vorgebracht und für das Entgegengeſezte angewandt werden könnte; doch wird am Ende unſere Beſtimmung immer die wahre bleiben.“ Hierauf verſicherte Filocopo beſcheiden: daß er ſich dieſem Aus⸗ ſpruche gar gern füge und er ihm in Ergebenheit genüge, dann aber ſchwieg er.
Die Liebesfrage aber blieb ſchwebend, und dürfte es wohl bleiben, wie alle Liebesfragen(dieſe unerklärlichen Myſterien des räthſel haften Frauenher⸗ zens) in der Vorzeit und Gegenwart. W. A. Gerle.
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Sänger und Tänzerin.
In dem Quartier Latin zu Paris lebte ein Sänger und eine Tänzerin. Dieſer Sänger ſang etwas ſchlechter als Duprez, und dieſe Tänzerin piruettirte nicht ganz ſo wie Fanny Elßler. Sie bewohnten ein Hotel garni und lebten von Kartoffeln, welche ſie ſich auf ihren Kunſtreiſen in den Provinzen geſammelt hat— ten. Sie hatten Anfangs Jedes ein beſonderes Kabinett; als ſie dann Bekannt f ſchaft gemacht, vereinigten ſie aus Oekonomie ihre beiden Zimmer in eines. Aber ſelbſt diefe Aſſociation half nichts, ihr Elend wurde immer größer, ſo daß die Tänzerin keine Schuhe mehr hatte, und wie eine Bayadere mit bloßen Füßen ihre Pas üben mußte, und der Sänger war genöthigt, ſeine Krawatte zu ver⸗ kaufen, um an einem Tage, als ihn eine Heiſerkeit überfiel, eine bavaroise mit Milch trinken zu können. In dieſer Bedrängniß laſen ſie im„Nloniteur des théatres“ die Anzeige:„Für das Theater in* wird ein erſter Tänzer und eine Primadonna geſucht. Zehntauſend Franken Gehalt ſammt Reiſeſpeſen.“ — Oer Sänger ſtieß einen Seufzer in es-moll aus, und die Tänzerin machte einen


