Jahrgang 
Band 1 (1840)
Seite
210
 
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ehrerbietig vor der Königin verbeugend,ich erinnere mich, daß in der Stadt, wo ich geboren, eines Tages ein glänzendes Feſt veranſtaltet wurde, welches viele Herren und Damen mit ihrer Gegenwart verherrlichten. Ich, der auch Theil daran nahm, ging betrachtend umher und erblikte zwei Jünglinge, ſchön von Anſehen, die ein liebreizendes Fräulein mit ſo glühenden Bliken anſchauten, daß man nicht erkennen konnte, welcher der Beiden mehr von ihrer Schönheit entzükt ſei. Nachdem ſie das Fräulein lang betrachtet hatten, welches dem Einen kein freundlicheres Antliz zeigte als dem Andern, begannen ſie von der Dame zu ſprechen, und ich vernahm aus ihren Reden, daß jeder bei ihr mehr in Gunſt zu ſtehen ſich rühmte, und verſchiedene ihrer Handlungen als Beweiſe für ſeine Behauptung anführte.

Wie nun die beiden Jünglinge durch das viele Sprechen ihre Gemüther ſo ſehr erhizt hatten, daß ſie anfingen, gegen einander beleidigend zu werden, ſa hen ſie endlich ihr unrecht ein, da ein dergleichen leerer Streit ihnen keine Ehre bringen, wohl aber dem Fräulein großes Miß vergnügen verurſachen dürfte, und von gleicher Friedfertigkeit bewogen, traten Beide vor die Mutter der Schönen, welche ſich ebenfalls bei dem Feſte befand; ſie trugen ihr vor, wie ſie von allen Schönen der Welt ihre reizende Tochter am meiſten verehrten, und darüber in Streit gerathen, welcher von ihnen dem holden Fräulein mehr als der andere gefalle? Sie möge daher die Gnade haben, ihrer Tochter aufzutragen, daß ſie durch Worte oder Handlungen zeige, welcher von ihnen ihr werther ſei. Die Dame entgegnete lächelnd, ſie wolle gern ihre Bitte erfüllen, und nachdem ſie das Fräulein zu ſich gerufen, ſprach ſie:Meine liebe Tochter! jeder von die⸗ ſen Herren liebt dich mehr als ſich ſelbſt, und ſie beſchäftigen ſich ſchon lange und fruchtlos mit Beantwortung der Frage: welcher von dir mehr geſchäzt wer⸗ de? Daher fordern ſie die Gunſt, daß du durch Rede oder Zeichen ſie deſſen ver⸗ ſicherſt, damit aus der Liebe, durch welche nur Freude und jedes Gute entſte hen ſoll, nicht das Gegentheil entſtehe. So bezeuge denn, für welchen dein Gemüth ſich erklärt.

Als nun die Jungfrau beide betrachtete, ſah ſie, daß der Eine einen ſchö nen Kranz von friſchen Blumen und duftenden Blättern auf dem Haupte trug, der Andere hingegen unbekränzt war. Nun nahm das Fräulein, welches eben⸗ falls mit einem Kranz von grünem Laube geſchmükt war, zuerſt dieſen von ihrem ſchönen Haupte und ſezte ihn demjenigen auf, welcher keinen gehabt hatte; dann nahm ſie, den Kranz des Zweiten und drükte ihn auf ihre eigenen Loken. Hierauf aber verließ ſie die beiden Nebenbuhler, und kehrte zum Tanze zurük mit dem Bedeuten, ſie habe den Befehl der Mutter und ihre Wünſche erfüllt. Die zurükgebliebenen Jünglinge verfielen in ihren alten Streit, und jeder be hauptete abermals, er werde mehr als der Andere von der Schönen geliebt, und derjenige, deſſen Kranz ſie vom Haupte genommen und ſich aufgeſezt hatte, ſprach mit feſter Stimme:Gewiß liebt ſie mich mehr, da ſie doch aus keinem andern Grunde meinen K genommen hat, weil ihr werth iſt, was mir ge⸗ hört, und um Urſache zu haben, daß ſie mir verbunden ſei; aber was dich be⸗ trifft, ſo iſt das Geſchenk, welches du erhalten, gleichſam als ein lezter Abſchied anzuſehen, weil ſie, um nicht unhöflich und undank bar zu ſcheinen, deine Liebe nicht ohne allen Lohn laſſen wollte, und dir lieber den Kranz ſchenkte.