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Anſichten. Urtheile. Begebniſſe.
Theater.
Prag. Der„Dampfwagen des Kometen“ enthält folgenge Notiz über „Böhmiſche Sänger und Sängerinen.“ Böhmen wurde in früherer Zeit das Land der Tonkunſt im Allgemeinen ge— nannt; ſtreng genommen beſchränkt ſich ſein Vorzug jedoch nur auf die Inſtru— mental-Muſik; ſeine Sänger holte es in der Regel aus dem Auslande, oder den andern Provinzen des öſterreichiſchen Kaiſerthumes. Viele derſelben kamen in früher Jugend nach Prag, und bildeten hier ihr Talent zur Vollendung aus, wie z. B. die berühmteſte der Henriet— ten, welche den Ruhm der böhmiſchen Kunſt verklärte, weil ſie den erſten Grund im Prager Konſervatorium der Muſik legte, welches jedoch außer ihr in den 20 Jahren, ſeit welchen die Ge— ſangsſchule beſteht, keine zweite ausge— zeichnete Sängerin in die Welt ſandte. Ueberhaupt haben ſich in Prag nur zwei geborne Böhminen: Jenny Lutzer und Kathinka Podhorsky zu Geſangsvirtuo— ſinen gebildet. Die erſte iſt bereits in allen deutſchen Ländern als große Sän— gerin bekannt, und die Zweite würde einen eben ſo freundlichen Empfang in der Fremde gefunden haben, wenn in früherer Zeit ihre zarte Konſtitution ihr erlaubt hätte, auf Kunſtreiſen ihr ſchönes Talent zu entfalten. Was die böhmiſchen Sänger betrifft, ſo haben manche im Ausland, zumal im nördli— chen Deutſchland, eine ehrenvolle Stel— lung erworben, doch hat noch keiner im vollen Sinne des Wortes Aufſehen gemacht, und manches jugendliche Ta— lent die Hoffnungen getäuſcht, die man auf daſſelbe gründete. Seit längerer Zeit aber iſt gar keine ſchöne Stimme bei einem böhmiſchen Jüngling laut ge⸗
worden. Dem Vernehmen nach hat Hr.
Direktor Stöger wieder ein ſolches Ju— wel aufgefunden, und iſt darauf be— dacht, daſſelbe in einer würdigen Faſ— ſung der muſikaliſchen Welt zu überge— ben. Hr. Siegfried Meyer, ein noch ſehr junger Mann, war Vorſänger in dem Tempel des gereinigten(2) jüdiſchen Kultus, und machte durch ſchönen und gemüthlichen Geſang ſo viel Aufſehen in allen Kreiſen der Stadt, daß man ihm den Rath gab, ſich der Bühne zu— zuwenden, wo ſich ihm eine vortheil— haftere Aus ſicht eröffne, als auf ſeiner frühern Laufbahn. Hr. Meyer hat ei— ne friſche, metallreiche Baritonſtimme von 1½ Oktaven, die er ohne alle An⸗ ſtrengung hervorbringt; dabei iſt er ei— ne ſehr angenehme Erſcheinung mit ei— ner intereſſanten orientaliſchen Phyſio— gnomie, zwar keine Jupiter- und Her— kulesgeſtalt Pöck, dagegen eine gute Theaterfigur von Mittelgröße, die an alle Pläze paßt, ohne zur Ausführung irgend einer Rolle ſtörend zu ſein, und bei ernſtem, beharrlichem Studium dürf⸗ te ihm eine glükliche Zukunft zu pro⸗ gnoſtiziren ſein.“
Literatur.
Literariſches Portfolio. Seit ſiebzehn Jahren, wo in England die Annuales und Keepsakes an die Stelle der früher beliebten, Christmas presents genannten Bilderbücher ge— treten ſind, wurden deren für eine hal— be Million Pfund Sterling verkauft.— Mit dem neuen Jahne hat eine popu⸗ lär⸗mediziniſche Zeitſchrift:„Geſund— heitsblätter für gebildete Nichtärzte“, begonnen. Redakteur derſelben iſt Dr. G. Himly, Militärarzt in Hannover— ſchen Dienſten, ein Sohn des berühm— ten, vor einigen Jahren geſtorbenen Univerſitätslehrers in Göttingen.— In


